Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,3.1918

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Die „unerlösten" Deutschen

sind keine Politiker. Man merkt es an allen Enden. Alle Völker
^IWAringsum schreien ihr Verlangen nach ihren „unerlösten" Brüdern

^^^aus, erheben in ihrem Namen „berechtigte" und womöglich „hei--
lige Aspirationen" und treiben dann politischen tzandel mit diesen tzeilig--
tümern. Und wir, die wir entschlossene Annexionisten und sogar heimliche
Welteroberer sein sollen, erwähnen kaum die unerlösten Stammesgenossen
jenseit unsrer Grenzen. Nnd doch sind wir das Volk der ausgedehntesten
Irredenten, die es überhaupt in der Welt gibt! Randböhmen, öster-
reicher, Steirer, Salzburger, Tiroler, Vorarlberger, Schweizer, Balten,
und schließlich doch auch Flamen und Holländer — um der inselhafter
wohnenden siebenbürgischen, ukrainischen, brasilischen und sonstigen Deut--
schen noch gar nicht zu gedenken. Nach dem Sprachgebrauch unserer Fenrde
sind doch das alles „unerlöste" Deutsche, und wenn wir die Annexionisten
wären, die wir sein sollen, so hätten wir also Anlaß und Stoff, Tag
und Nacht von ihnen zu sagen, nach ihnen zu rufen und unsre Staats-
männer über sie deklamieren zu lassen.

Weshalb tun wir es nicht? —

Weil wir sie gar nicht „erlösen" wollen und nicht Forderungen nur
tzandels wegen erheben mögen, die nicht ernst gemeint sind.

Und weshalb wollen wir sie nicht erlösen? Ist dieser Verzicht nicht
gegen die Natur? Haben wir nicht ebensoviel natürliche Lust, unsre
Stammesgenossen uns anzugliedern, als Polen, Italiener, Serben, Ru-
mänen? —

Weil wir Gesichtspunkte kennen, die uns wichtiger erscheinen und die
uns die Befriedigung dieser Lust verbieten. Immerhin sollten wir vielleicht
daranf aufmerksam machen. Wir sollten vielleicht deutlich machen, daß
wir für diesen Verzicht Anerkennung fordern statt Hohn!

Wir sollten es vielleicht laut sagen, daß wir den tzohn sogar für
gefährlich halten. Wir halten es für gefährlich, wenn man nusgerechnet
uns Nnersättlichkeit vorwirft, die wir alle diese Volkteile unsres Blutes
außer unsern Grenzen lassen, ohne mehr von ihnen zu wünschen als
Gerechtigkeit und, wenn's hoch kommt, brüderliche Gesinnung. Wir halten
es für gefährlich, wenn einige Glieder dieser unsrer Irredenten sich da-
durch als unbefangen ausweisen zu können meinen, daß sie gegen das

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