Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,3.1918

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den Gast, den du nicht erwartest, und
einen Altar für den unbekannten Gott.
Und singt ein Vogel in deinem Ge-
zweig, so tritt nicht eilig näher, um
ihn zu zähmen. Und fühlst du etwas
Neues sich regen in der Tiefe deines
Wesens, trage nicht eilig Licht herzu,
um hinabzuspähen. Hüllc den sich er-

schließenden Keim in Vergessen, laß ihn
in Frieden wachsen und sich entfalten,
verkürze ihm nicht die Nacht und plau-
dere dein Glück nicht aus. Alle Emp-
fängnis, das heilige Werk der Natur,
bleibe umhüllt von dem dreifachen
Schleier der Keuschheit, der Stille und
des Schattens. H. F- Amiel

Unsre Bilder und Noten

farbige Blatt vor unserm Hefte, Alexander Brendels „Strom-

laufwärts", gibt einen steindruckähnlichen Farbenholzschnitt in steindruck-
artiger Technik und ohne unverhältnismäßige Verkleinerung wieder; hier
sind also so günstige Bedingungen für ein Gelingen der Reproduktion, daß
unter den Friedensverhältnissen sicher ein fast vollkommenes Ergebnis erreicht
worden wäre. Mit „Kriegspapier" und „Kriegsfarben" hat es sich nicht ganz
erreichen lassen, immerhin ist die Wiedergabe wesentlich besser, als sie der
„billigen, aber farbenprächtigen" Vierfarbenautotypie gelungen wäre. Das
Blatt, das auch in dieser Größe noch mit einigem Abstand betrachtet werden
will, überträgt seine schöne Ruhe so unmittelbar, daß es keiner Worte dazu
bedarf.

Der Zeichner, dessen Vogelstudien wir auf zwei Seiten hinten
wiedergeben, ist auf seinen Wunsch nicht genannt. Er hat jetzt als ein ganz
„moderner" Maler seinen Namen und fürchtet von diesen Vogelstudien für
seinen Ruf, denn sie sind ja gar nicht „modern", sondern einfach natürlich. Wir
bekennen, daß sie uns mehr geben, als manche „modernen" Sachen. And be°
kennen: so geht es uns oft; sehr oft sind uns sogar die ersten Studien unsrer
Modernen selbst lieber, als ihre fertigen Bilder, denn sehr oft sind ihre Stu-
dien naiv und ihre fertigen Bilder manieriert. Die hier „studierte" junge
Krähe ist ein Lebewesen mit Ausdruck aus sich selber, und dem glauben wir;
soll solch ein Tier aber gezwungen werden, nicht sich, sondern irgendein neues
„Kunstprinzip" auszudrücken, so fragt sich, ob ihm das gelingt, auch wenn ihm
die expressionistische Sprache sehr schön beigebracht worden ist.

Der runde Schattenschnitt über der ersten Seite ist von Georg
Plischke.

Oiest man von dem Lied „Der deutsche Landsturm" zuerst den Text, so fühlt
^man sich in „längst vergangene Zeiten" versetzt. Ach ja, so haben die Vielen
damals gereimt und sogar empfunden. Empörung und Zorn gaben ihnen die
Worte ein, Bitterkeit gab den Lon, der Glaube an eine rasch wirkende, un-
bedingte, fraglose Aberlegenheit der deutschen Waffen über die „nichtswürdigen"
Gegner gab die Obertöne her. Nur wenige werden solche Verse heute noch
als wesentlich, als Leistungen empsinden, und bald wird man sie kaum mehr
in ihrer unzweifelhaften „Echtheit" verstehen. — Schade wäre es, wenn mit
diesem Text auch die Vertonung verginge. Sie gehört nach unserm Gefühl zu
den leidenschaftlichsten und wuchtigsten aus der Kriegsmusikliteratur. Her-
mann Stephani, von dem wir während des Krieges mehrere Proben
brachten, bewährt auch hier wieder die ganz besondere Krast, einfach und doch
nicht banal, einzig aus innerstem Empfinden heraus zu musizieren. „Er-
läuternder" Worte braucht es zu diesem Lied wohl nicht; daß es ziemlich rasch
und mit größter rhythmischer Präzision zu nehmen ist, sieht man sofort. Es
ist hier nach der Handschrift zum ersten Male gedruckt. F. G.

tzerausgeber: Qr. b.Ferd. Avenarius in Dresden-Blasewitz; verantwortlich: der tzerausgeber —
Derlag von Deorg D. W. Lallwcy, Druck von Kastner L Lallwey, k. tzofbnchdruckerei in München —
In Sfterrcich-Ungarn tür tzcransgabe und Schriftleitung verantwortlich: vr. Richard Batka in Wien Xlll/t
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