Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,3.1918

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das der Kunstkritik von heute so mißliebige Wort. Wie in meinem Klinger--
buche betone ich nochmals: literarisch und poetisch ist zweierlei, man kann
tzin großer Literat ohne Spur von Poetentum sein und ein echter Poet
ohne Worte. Ausnahmslos eine jede Kunst wird von uns als „poetisch"
empfunden, wo sie nns erwärmt, und als „nüchtern", wo sie uns kalt läßt.
Wer diese Worte außer acht läßt, beurteilt auch ein Werk der bildenden
Kunst viel zu eng, viel zu beschränkt nur auf eine Seite seines Wesens.
Die Kunstmittel eines Bildes weben auch unter sich Netze von Werten, die
derb oder fein und ärmlich oder zum Schwelgen reich und zum Entzücken
fein sein können und zu deren Aufnehmen ein gebildetes Auge genügt. Aber
sie weben noch andre Fäden durch dieses Netz hindurch und außerhalb dieses
Netzes. Mehr als ein Vierteljahrtausend also ist Rembrandts Fanstblatt alt.
Und was daran wäre „veraltet", was auch nn Technischen darin wirkte „über--
holt"? In keiner Beziehung begegnet uns irgendeine Abhängigkeit von Zeit»
lichem oder irgend etwas von Manier. Das Werk ist in jeder Hinsicht
frei. Aber damit ist sein größter Wert noch nicht berührt. Sogar Goethes
gewaltige Anregung hat zum Faust-Thema kein einziges Werk der bilden--
den Kunst hervorgebracht, das man mit diesem auch nur vergleichen könnte.
Selbst die Blätter von Peter Cornelius geben neben dem Rembrandtischen
nichts. Auch sie nnd alle andern sind Illustrationen geblieben. Rembrandts
„Faust" als Werk der Radierknnst mag immerhin ein Nebenwerk sein,
als Werk der G r i f f el k u n st - P o e si e ist es ein Hauptwerk der ganzen
nordischen Kunst. Mit den „Drei Bäumen" und dem „Hundertguldenblatt",
mit Dürers ersten Meisterstichen, mit Rethels „Tod als Freund", mit
einigen Blättern Klingers und mit ganz wenigem Wesensverwandtem noch
bildet es eine Gruppe, die nach außen auf ihre Zugehörigkeit zur bilden-
den Kunst nach eig enen Gesetzen zu untersuchen und zn werten ist. Wunder-
lich, daß Rembrandts „Faust" nicht längst schon ein Lieblingsblatt all der deut-
schen Menschen ist, die sinnen und sich sehnen! A

Gelegentlich von Walter Hasenclevers „Antigone"

^VV^er verstünde nicht", sagt der Verteidiger, „daß diesem Drama sich frohe
V^Teilnahme znwendet und ihm Erfolg bereitet! Warten nicht Tausende
, auf den Dichter, der errdlich der Machtgier, der Mordlust, dem Bruder-

kampf absagt und den heiligen Frieden, die hochheilige Liebe, die unzerstörbare
Brüderlichkeit verkündet? Das alles tut Walter Hasenclever. Was will es
heute dagegen besagen, wenn sein Drama als dramatische Dichtnng verwildert
und schwächlich, sein Evangelium als ethische Leistung pathetisch und zerfahren,
seine Sprache öfter marktschreierisch und plump, seine Geste unadlig ist? Nur
altmodische Ästhetiker, pedantische Gelehrte uird weichmütige Ästheten achten
auf derlei, es kommt aber an auf das neue Ethos, den neuen Willen, den
befreienden Mut, das flammende, rücksichtlose' Bekenntnis — auf Expressio-
nismus!"

So etwa spricht der „Verteidiger", der deu Iüngsteu mit Sympathie ge-
folgt ist, aber vom Gestern und Ehegestern immerhin noch eine Erinnerung hat.
Ich meinerseits gehöre nicht zu den Mitgerissenen und zu den Geblendeten.
Es ist kein crfreuliches Geschäft für unsereinen, kritisch auf Hasenclevers „Anti--
gone"* * einzugehen. Selbst weirn man darauf verzichtet, dieses wirre Misch-
gebilde mit des Sophokles tiefedler Herrlichkeit zu erschlagen, bleiben dcr Ein-
wände noch unzählige. Gehen wir einmal anf das Sittliche, nicht auf
das Künstlerische, zuerst — wo ist denn in aller Welt das „nene Ethos", das
jetzt beglückte Rhapsoden der Iüngsten preisen? Hat man wirklich nicht be°
merkt, daß wie so viele seiner Mitstrebenden auch Hasenclever nach Form nnd

Rembrandts unmittelbare Vorgänger und Zeitgenossen unter den Künstlern
den Faust auffaßten.

* Verlag P. Cassirer, Berlin lstl?. 5 Mark.

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