Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,3.1918

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Zum Geburtenrückgang

(Gefahren der Statistik)

^W^ie Statistik ist als Helferin irn Beweise bei allen Schriftstellern, die
der Aufgabe widmen, die Ergebnisse der Gesellschaftswissenschaften
dem großen Publikum in unterhaltend-belehrender Weise und mit
ebensolcher Tendenz vorzutragen, ebenso aber auch als Quelle für anek-
dotisches Wissen und als Illustrationsmittel gleichmäßig beliebt. Dieser
Beliebtheit verdankt sie aber auch den schlechten Ruf, in dem sie bei
dem selben Publikum steht.

Beide Erscheinungen bestehen mit einem gewissen Recht. Denn es
ist kein Zweifel, daß wir, wenn wir genügend scharf Kritik an den Quellen
unserer statistischen Zahlenangaben üben und es an ernster unablässiger
Selbstkritik in ihrer Verwertung zu Beweiszwecken nicht fehlen lassen,
durch sie weitgehende Aufschlüsse über das zwischenmenschliche Geschehen
erlangen können. Selbst solche zahlenmäßig unerfaßlich scheinenden Vor-
gänge wie die Zusammenhänge zwischen Religion und Verbrechen lassen
sich auf solche Weise in nicht geringem Grade erleuchten. Auf der anderen
Seite ist es ebenso zweifellos, daß die Statistik ihrer ganzen Art nach
den nicht sehr gründlich fachlich-methodisch Durchgebildeten nur allzu leicht
auf Irrwege des Schließens lockt. Der zahlenmäßigen Ausdrucksweise
wohnt eine hochgradige Evidenz inne für den, der die Bedingtheit stati-
stischer Angaben nicht zu erkennen vermag. Das führt dazu, daß die all-
gemein menschliche Neigung, im Eifer des Rechthabens und des Äber-
zeugenwollens ein wenig zu viel zu behaupten, den Laien gerade bei
statistischen Dingen als einfach beschwindelt sich fühlen läßt, während doch
eine böse Absicht gar nicht vorlag, sondern nur sachliche Rnzulänglichkeit.
Für den Laien und für den popularisierenden Schriftsteller gilt ebrn
der Goethesche Satz: „Man sagt oft, Zahlen regieren die Welt. Das
aber ist gewiß: Zahlen zeigen, wie sie regiert wird", nur mit dem aus-
drücklich immer wieder ins Gedächtnis gerufenen Zusatz: . voraus-

gesetzt, daß die Zahlen »richtig«, nämlich genau angewendet, sind." Daran
aber fehlt es oft gewaltig.

Es ist, um diese Betrachtungen mit der nötigen Eindringlichkeit aus-
zustatten, uötig, einige ausführliche Beispiele zu geben, wie eine kritiklose
Anwendung richtiger Zahlen zu ganz falschen Schlüssen verleiten kann.
Ein Gesetz, das man sehr oft vernachlässigt findet, ist das „Gesetz der großen
Zahl". Es besagt, daß die einer Statistik zugrunde liegenden gezählten
Einheiten so zahlreich sein müssen, daß gewisse „Fehlerguellen", die in
bezug auf die zu untersuchende Frage, zeitlich oder örtlich, je nach der
Herkunft des Materials, bedingt sind, sich ausgleichen. Sonst bekäme man
ja nur Zufallszahlen. Wenn man zum Beispiel statistisch prüfen will,
ob die mathematischen Gesetze der Wahrscheinlichkeitsrechnung richtig sind,
so darf man bei einer Würfelprobe sich nicht mit sechs Würfen begnügen
und, wenn man darunter dreimal sechs — sechs wirft, schließen: „Iene
Gesetze (die etwas ganz anderes aussagen) sind erfahrungsgemäß falsch.
Denn meine Statistik ergibt, daß die Kombination sechs — sechs in fünfzig
von hundert der Fälle vorkommt."

Es muß weiter ein Grundsatz der Statistik sein, nur vergleichbare
Zahlen in Vergleich zu stellen. Auch da können nicht genügend beachtete
örtliche oder zeitliche Nmstände viel Nnheil anrichten. Solche Fehler haben

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