Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,3.1918

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ins Ganze geht, kein Sinn, dem Gan-
zen etwas zuliebe zu tun, sondern man
trachtet nur, wie man sein eigenes
Selbst bemerklich mache und es vor
der Welt zu möglichster Evidenz
bringe . . .

Hierzu kommt sodann, daß die
Menschen in ein pfuscherhaftes Pro-
duzieren hineinkommen, ohne es selbst
zu wissen. Die Kinder machen schon
Verse und gehen so fort und meinen
als Iünglinge, sie könnten was, bis
sie zuletzt als Männer zur Einsicht

des Vortresflichen gelangen, was da
ist, und über die Iahre erschrecken, die
sie in einer falschen, höchst unzuläng-
lichen Bestrebung verloren haben. Ia,
viele kommen zur Erkenntnis des Voll-
endeten und ihrer eigenen Unzuläng-
lichkeit nie nnd produzieren Halbheiten
his an ihr Ende. . . Viele junge
Maler würden nie einen Pinsel in
die Hand genommen haben, wenn sie
früh genug gewußt pnd begriffen hät-
ten, was denn eigentlich ein Meister
gemacht hat. Goethe (zu Eckermann)

Unsre Bilder und Noten

sitzende Iphigenie. „Was soll das allbekannte Bild vor
^Veinem Kunstwartheft? Es kostet euch doch auch nicht rnehr, ein neues
zu machen!" Aber manche lohnen, scheint uns, wiederholte Betrachtung,
denn nicht alles, was man „auswendig kann", kennt man. Ich habe mit
meinem Klingerbuch einen Strauß um Höherbewertung des Geistigen in der
Kunst begonnen, möchte ihn fortsetzen und rufe zum Zeugen nun auch Feuer-
bach auf. Was ist an dieser Iphigenie schön? „Das Modell!" Ia, aber ihr
rechter Arm ist viel zu kurz. „Fhr Gewand l" Sicher, aber stellenweise wirkt es
bedenklich gelegt. „Die Technik, das Malerische, das Artistische!" Darauf ver-
standen sich andre immer noch besser. Klauben wir auseinander nnd holen
die Lupe, so sehn wir Bedenkliches hier und Bedenkliches dort. Aber: Wer
das Bild fühlt, der kommt gar nicht dazu. Er genießt nicht Farben und
Formen, er genießt bald auch nicht mehr die vornehme Frauengestalt, sondern —
er genießt mit ihr. Er genießt die Wonne der Wehmut ihrer Sehnsucht und
braucht nunmehr nur mit ihr in die Ferne zu träumen, in der diese Wehmut
über dem leisen Meere schwebt. Sehnsucht, das ist Ler Gehalt dieses Bildes.
Erst wenn unsre kunstwissenschaftliche Rezensierkunst auch den poetischen Gehalt
wieder als Wert erkennt und behandelt, und wo er stark ist, als Hauptwert,
erst dann werden wir wieder statt einer Malerei-Kritik eine Kunst-Kritik
haben, die nicht nur Leilgehalt, die als Kritik selber Vollgehalt hat.

Die Zeichnung von Ioseph Sattler aus Hehders „Kunst und Leben"-
Kalender heißt „Krieg". Eine Stelle darin ist mit Absicht phantastisch-unklar.
Da links vom Hause illusioniert man einen riesigen Totenschädel ins Schwarz-
Weiß. Gut, daß dies nicht klar ist, gut, daß es der Nüchterne anders deuten
mag. Es ist nur für den, der im Vordergrunde die Schattenreihen auch als
ein Totenhand-Gefinger fühlen kann und alle Linien auf dieser Zerstörungs-
stätte noch anders, als sie sind. Bis zum Himmel hinauf, in dem sich
die Wolkenränder so sonderbar zacken. Es ist Grausen in diesem Blatt.

Die Kopfleiste bringt ein SpielmanNsbild von Roegge.
eim Vortrag des kleinen, frisch empfundenen Liedchens von Al. Iem-

B

'nitz (Budapest) achte man darauf, daß die in Achteln durchlaufende Stimme
alle die unbedeutenden Antriebe und Hemmungen der Melodie mit zum Aus-
druck bringt, die sich durch Zeichen nicht andeuten lassen, dte aber erst ihr
Leben ausmachen. Wer sich aufs musikalische Hören gut versteht, dem werden
die leisen Anklänge nicht verborgen bleiben, die in den Schlußfüllen der
Verszeilen darauf hindeuten, daß das Lied in Ungarn entstanden ist. Man
könnte zu den verkürzten Schlüssen der Melodie beinahe ein kleines Lzardas-
schwänzchen in der Begleitung erwarten.

tzerausgeber: v?. k. °. Fcrd. Avenarius in Dresden-Blasswitz; verantwortltch: der ßerauSgeber —
Derlag von Georg D. W. Callwey, Druck vo» Kastner L Lallwey, k. Hofbuchdruckerei in München —
In Ssterreich-Angarn für Herausgabe nnd Schriftlcitung verantwortlich: vr. Richard Batka in Wien XIII/«
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