Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,3.1918

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Vom tzeute fürs Morgen

Vom Licht

>,»nsre Physiker bringen nns heute die
^i-scharfsinnigsten Studien über das
Licht, seine Schwingungen, Brechungen,
Wirkungen. Wir wollen sie gern hören.
Aber wir wollen nicht vergessen, daß
die Natur das Licht für das Auge ge-
schaffen hat und nicht für das Gehirn,
für die Seele und nicht für den Scharf-
sinn. Auge und Seele müssen die
Offenbarungen des Lichtes empfangen,
wenu wir mehr von ihm wissen wollen

— als Zahlen. Hier scheidet sich Goethe
und Newton, deutscher Geist und eng-
lischer Verstand. Es wäre eine wun-
derschöne Geschichte zu schreiben: die
Geschichte der Menschheit am Licht.
Was ging in den Seelen der persischen
Priester vor, wenn die Ehrfurcht vor
dem Licht sie erfüllte? Dachten sie
nur an die wohltätige Wirkung der
Sonne auf den teimenden Fluren?
Was ging in der Seele des Psalmen-
dichters vor, als er die Worte fand:
„Licht ist dein Kleid, das du anhast!"
Rembrandts Kunst — eiue Seele, die
das Licht erlebte, diese Seele, die
das Licht ersehnte! Goethes Farben-
lehre — ein Werk, in dem der groß-
artige Kampf des Lichtes mit der
Finsternis um Worte rang! „Ihr wmr-
delt droben im Licht, selige Genien!"
Hölderlins Schicksalslied, umwoben von
deu Feierklängen Brahmsscher Musik,
widerhallend in Klingers Künstlergeist

— welches dreimal verschiedene und
dreifach ergreifende Menschheitsbe-
kenntnis! „Wandel im Licht" — er-
scheint als höchste Menschheitssehnsucht.
Könnte das sein, wenn das Licht nur
Schwingung wäre? Wenn es nicht
Offenbarung wäre? Wer das weltall-
durchflutende Licht nur stark und immer
stärker empfindet, der kann merkeu,
wie sich sein Leben veredeln will, wie
sich immer lebeudiger die Empfindung
regt: Du schändest das Licht mit allem
Unedeln, was du tust, mit allem An-
reinen, was du dcnkst! Dem wird
sein Tag lichtgeweiht und sein Werk
lichtumströmt und seine Seele licht-
genährt. Das Licht wird ihm heilig.
Hier scheint sich das Irdische ins

Göttlich-Geistige hinein zu verlieren.
Hier scheint aus der Verborgenheit
geistige Güte ins Sichtbare hinein zu
strahlen.

Aber nun streben die Erlebnisse von
der andern Seite zu derselben Höhe
empor. Kennen wir nicht den Brief,
der „ein Sonneustrahl" ist? Kennen
wir nicht die Tat, die hell und er-
wärmend leuchtet? Kennen wir nicht
die Menschen, bei denen es lichter
wird, wenn sie ins Zimmer treten,
deren Inneres selbst uns manchmal
wie gewobenes Licht erschienen ist?
Kennen wir nicht in der Geschichte das
Franziskuslicht, das Ehristuslicht? Da
fließt Reinheit, Güte, Freude in das
eine Wort Licht zusammen und ruft
hinüber nach der Lußeren Offenbarung,
die wir im Licht empfangen. And
nun durchzuckt uns eine große Frage:
Licht und Liebe, wo vereinigen sie sich?
Im Licht verliert sich die körperliche
Welt in den Geist hinein, in der Liebe
kommt das Licht aus dem Geist wieder
heraus. Sind wir dem alten Philo-
sophengeheimnis auf der Spur, wo
die Einheit der beiden großen Welten,
Naturwelt und Seelenwelt, zu finden
ist? Eine lehte gewaltige Ahnung steigt
vor uns empor und überschattet unser
Leben. Es ist die Ahnung, in der
einer unsrer ganz großen Deutschen
seines Lebens Sinn und Sehnsucht der
Nachwelt verkündigte, die Ahnung, die
wir auf Herders Grabstein lesen: Licht,
Liebe, Leben!

Friedrich Rittelmeher

Frühdeutsches

^m 73. Lebensjahr ist in Leipzig
<)Albert Hauck gestorben. Leider vor
der Vollendung seines Hauptwerks, der
Kirchengeschichte Deutschlands. Diese
großangelegte Darstellung eines wich--
tigsten Ausschnitts früher urrd frühe-
ster deutscher Geschichte war vor dem
Krieg bis in die Aeit Ludwigs des
Bayern gediehen. Es wird also wohl
mindestens noch die Zeit Karls IV.
druckfertig vorliegen.

Die deutsche Kirchengeschichte des
Mittelalters ist lange Zeit das erklärte

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