Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,3.1918

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der doch alles überragt. Auf den Weg sehn, freilich — auch darauf, daß
er zuverlässig imftande gehalten wird und daß keine Steiue zum Anstoß
drauf liegeu bleiben. Aber auch aus die Abstände achten, damit man das
Kleinere, wie lästig es sei, doch eben nicht überwichtig nimmt. Eben zu
solcher Umschau sind Festtage Rastpausen beim Aufstteg, Ruhestellen, Er-
holungsstätten.

Der Weg unsres Volkes diese vierthalb Iahre lang war so heiß, wie
ihn wahrlich wenige Völker zurückgelegt haben. Lebt dsnn ein einziger
unter uns Deutschen, der vor vier Iahren geglaubt hätte, wir hätten das
durchmachen und das durchhalten können? Der Zeitgenosse, der sich klar
macht, was trotz allen unsern Schwächen, Irrungen, Fehlern erreicht wor--
den ist, der schämt sich auch wieder beinahe, aber diesmal aus andsrm
Grunde, als gelegentlich der Daimler Motoren-Fabrik, nämlich: weil er
die Kleinheit seiner persönlichen Leistung kaum zusammenzudenken ver»
mag mit der seines Volkes. Es gibt ihm beinahe so etwas wie eine Er--
leichterung, wenn er sich sagt: im Osten kam schließlich dazu auch Glück.
Das soll ja sein Brauch sein, daß es dem Tapfern hilft. Aber was die
Deutschen geleistet haben und was das Glück dazu tat, das liegt zusammen
auf einem Bild, und andres auch noch. Das zeigt schon Gewordenes.
Die vollkommen neue Wels im Osten, an deren Umwälzung zu solchen
Möglichkeiten auch wieder kein Kopf vor dem Kriege, keiner noch vor zwei
Iahren geglaubt hätte. „Dieses Gewordene ist nur ein Chaos". Mit andern
Worten: es ist wieder ein Werden. Lin Sich-Umformen eines Drittels
der Erde. Der Beginn eines Sich-Umformens der Menschheits-Organisation
überhaupt. Das geschichtlich Gewaltigste, was ein Mitmensch erleben kann.
Wir sind davon Zeugen, wir sind daran Mitarbeiter. Ilnd brauchen gar
nichts, als das zu fühlen, so ist die Befreiung von Daimler K Co.
schon vollzogen und die Größe zur Festtagstimmung da.

Der Festtag vergeht. Der Wochentag hat sich wieder mit Daimler L Co.
zu beschäftigen. Aber ein erlebter Festtag leuchtet noch durch die Woche
weiter. Osterzeitl A

Ostern

^^^ie großen christlichen Feste fallen dem modernen Menschen, auch wenn
^TF^er im allgemeinen der christlichen Lebenswelt sich nicht entzogen hat und
nicht entziehen will, im Grnnde immer einigermaßen schwer: in ihnen lebt
die Wunderwelt des alten Christentums nnd seiner ersten Kirche fort, die Offen-
barung der übersinnlichen Welt, die in bestimmten einzelnen Vorgängen gerade
im größten Gegensatze gegen das gewöhnliche Geschehen hereinbricht und dadurch
nicht bloß alles Heil an bestimmten Punkten konzentriert und anschaulich macht,
sondern auch gerade dadurch ihr über- und außermenschliches Wesen bekundet
nnd beweist. Der Karfreitag feiert nicht das Marthrium des größten Gottes-
propheten, sondern das abgrundtiefe Geheimnis der Erlösung und die Wirkung
dieses Todes mehr auf Gott als auf die Menschen, das religiös-metaphhsische
Zentralwunder der Selbstversöhnung Gottes und der Überwindung des Teufels.
Das Osterfest feiert nicht den Sieg des Geistes über das Schicksal, des Glaubens
über die gemeine Erfahrungswelt, sondern die handgreifliche Bekundnng der
göttlichen Majestät Christi, die Offenbarung seines Wesensgeheimnisses, die
Macht des Ienseits über das Diesseits, den Vorschmack des dereinst kommen-
den Himmelreiches. „Lässet auch ein Haupt sein Glied, welches es nicht
nach sich zieht?" dieser Vers irgendeines Kirchenliedes sagt ganz klar und
einfach den Sinn von alledem aus. Die Wunder von damals sind die
Bürgschaft für die Wunder, die auch uns erlösen und die immer sich voll-

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