Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,3.1918

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jenen ist die Fähigkeit, den Dingen Maß zu verleihen, Abschluß zu erlangen,
eine Qnelle stärkster Kraftentfaltung. Lr kann sich in die Unendlichkeit ver--
lieren, aber gern kehrt er aus ihr mit neuen Erlebnissen und Schauungen
durchtränkt und gesättigt, in die Welt der Grenzen uud des Maßes zurück, um
durch den gewonnenen Reichtum Neues zu gestalten und Altes zu verjüngtem
Daseiu umzubilden. Dem Orientalen dagegen, zumal dem Inder, ist tiefste
Scheu davor eingeboren, in der großen weiten Welt etwas zu begrenzen, ein
Enüe vors Ende, ein Ziel vors Ziel zu sehen. In der Grenzenlosigkeit ver-
loren, sind Anmaß und Groteske die Mittel, mit denen er sich in der Anr-
welt behauptet. Seine Kunst, die trotz griechischer Linflüsse für uns die
Schönheit einer andern Welt ist, zeugt davon. Freilich, sein Instinkt bleibt
damit ewig den Armächten des Daseins verbunden. Der europäische Mensch
ist gezwungen, diese Bindung zu unterbrecheu und nur zeitweilig gelten und
wirken zu lassen. Wer geht von den beiden Weltwanderern den rechten
Weg? Beide? Nur einer oder keiner? Wir müssen die Frage offen lassen,
weil wir fühlen, daß sich Orient und Okzident Hier vor dem verschleierten Bild
von Sais begegnen. Nur auf zwei Abarten, zwei Ausartungen dieser beiden
Lebenseinstellungen, sei noch hingewiesen: orientalisches Unmaß führt leicht
zur Zuchtlosigkeit, zur Indolenz, zur Sinnen-, Kedanken- und Eatenträgheit,
okzidentalisches Maßhalten aber zum beschrLnkten, zum engen Philistertum.

(D

LVttir sind am Ende erst am Anfang solcher Betrachtungen. „Gottes ist der
-^-VOrient, Gottes ist der Okzident; nord- und südliches Gelände ruht im
Frieden seiner Hände." Als Besitztümer, als Darstellungen, als Gehalte des
Göttlichen preist sie der Dichter. Sie sind göttliche Bruchstücke, die, zusammen-
gefügt, einen vollkommeneren Teil der Gottheit bilden. Wird das Ineinander-
fügen ohnc Zerbrechen, ohne Kampf gelingen? Was von menschlicher Ver-
nunft aus dazu getan werden kanu, das sollte geschehen. Aufgaben öffnen sich
von solcher Größe, daß der Linzelne, und sei es der kraftvollste, nur wie
ein Tropfen im Flnß dabei sein kann. P. T h. Hoffnrann

Alte und neue Staatsbürgerkunde

s.

^>^aß Politik in des Wortes tieferer und edlerer Bedeutung unendlich viel
>^^mehr sei als charakterverderbender Parteistreit und höchstorganisierter Wirt-
schaftskampf, war für nicht Wenige vor dem Weltkriege eine rein aka-
demische, um nicht zu sagen „ideologische" Ansicht. Natürlich werden poli-
tische Parteien sich auch nach dem Kriege befehden; natürlich werden Land-
wirtschaft und Industrie, Arbeitnehmer und Arbeitgeber künftig wie zuvor ihre
tatsächlichen oder vermeintlichen Sonderinteressen kräftig zu vertreten jede Ge-
legenheit wahren. Aber die Sachlage hat sich verändert durch diejenigen politi-
schen Fragen, die sich mit innerer Notwendigkeit turmhoch über die dunstigen
Niederungen des Parteilebens erheben und Antwort fordern. Nicht als ob
Sozialdemokrat, Liberaler, Zentrumsmann oder Konservativer zum vaterländi-
schen Besten sittlich verpflichtet wäre, fortan über neue und neueste Fragen
der Art nach ein und derselben Schablone zu denken, Z. B. in Sachen der
Bevölkerungspolitik und Bodenreform, in Dingen des Auslands und der Kolo-
nien! Aber die Alleinherrschaft der politischen Phrase ist erschüttert; der
parteipolitischen Verknöcherung ist ein Weg der Abhilfe gewiesen; und die
Arbeitsvereinigungen, die Angehörige verschiedenster politischer Äberzeugung
zu den Ihrigen rechnen, nehmen an Zahl und Einfluß auf das öffentliche Leben
erstaunlich schnell zu.

Hand in Hand mit den angedeuteten Tatsachen geht ein nicht zu verkennen-
des Verlangen weiter Volkskreise nach einem zuverlässigen Amblick im Bereich
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