Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,3.1918

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an naturhafter Kraft und Gesundheit; sonst blieb sie stecken in blindwütender
Verneinung des Hergebrachten, ohne je die Kraft schöpferischen, Werte setzen--
den oder gar zeugsnden Geistes zu finden. Unerlöst und hilflüs blieb Wede-
kind, eingeschmiedet in eine Zeit, deren Sitte Vielen nicht gefiel, die er aber
zwar zu befeinden, doch nicht zu überwinden wußte. Er hat wohl manchmal
gemeint, sehr tief zu blicken, da er die „Tiefen" des Trieblebens sozusagen
berufmäßig mikroskopierte. Und doch blieb er in jedem Betracht oberfläch-
lich. Als Dramatiker zunächst „Impressionist", hat er nie die Liebe betätigt,
sich in eine Gestalt bis ins Lehte einzufühlen, hat er sich immer mit einigen,
oft sehr „charakteristischen" Gebärden begnügt und tausendmal seinen Figuren
bis zum Läppischen unorganische Reden in den Mund gelsgt. Als Schöpfer
„illusionärer" und „shmbolischer" Auftritte, wie man ihn jetzt rühmend
nannte, ließ er vielleicht am stärksten die Keime seines Dichtertums ahnen,
doch ist kaum einer davon entfaltet auf die Bühne gekommen; der pathetische
Dialektiker und der eilfertige, kulissenwitzige Zirkuskenner Wedekind stand
solcher Entfaltung des Dichterischen herrschsüchtig und effektgierig im Wege.
Als Ethiker sah er die schlechthin bestimmenden Grundlagen der öffent-
lichen Sitten überhaupt nicht: Politik, Wirtschaftleben, gesellschäftbildende Aot--
wendigkeit der Aberlieferung und des Zwangs — alles dies war ihm fern
und fremd; ein Monomane des Geschlechtlichen, der kindlich aufgefaßten
„Freiheit" und des ebenso kindlich verkündcten Genußkultes, hat er weder
die Bedingungen der bestehenden, noch die der ersehnten Zustände durchschaut.
Freilich, ein sprudelnder und sprühender, den ungewappneten Hörer einfach
übertölpelnder Reichtum an Paradoxen, Witzen, Geistreichigkeiten und dialek-
tischen Künsten aller Art hat ihn und seine Zeitgenossen darüber lange
getäuscht.

Hat er aber seinem Volk, wie manche Entrüsteten meinen, „geschadet"? Das
glaube ich auch nicht. Seine Zeit reizte förmlich den wildesten Widerspruch
heraus, und sie „verdaute" ihn ohne unerträgliche Beschwerden. Sie hatte
an ihm einen Dichter, wie sie ihn verdiente. Aud die Wahrhaftigkeit durfte
man Wedekind nie abstreiten, die „schließlich auch etwas wert" ist. Daß
seine Ethik in nennenswerter Weise „Schule gemacht" habe, ist mindestens
nicht zu beweisen. Er sslbst hat es nicht geglaubt. Aus dem gleichen Grunde
kann man freilich auch seinem Schaffeu keine beträchtliche Zukunft voraus-
sagen. Politisierung, Verwirtschaftlichung des Denkens, expressionistisches
„neues Ethos" einerseits, neue Religiosität und Mhstik und neue „reinliche"
Gesinnung, das alles sind Zeichen der kommenden Zeit der bürgerlichen uud
literatischen Gesellschaft, welche nicht für eine dauernde Verehrung Wedekinds
sprechen. Man soll gewiß die Akten nicht mit herber Hand zu früh fchließen,
indessen wir werten nicht ungerecht, wir werten überhaupt nicht, wenn wir
annehmen, daß ein ganz zu einer bestimmten Gesellschaftepoche Gehörender
mit ihr dahingeht. Ezard Nidden

Reinhard Goerings „Seeschlacht"

^f^m dieses Bühnenwerk eines bisher unbekannten jungen rheinländischen
Dichters ist, wie unsre Leser aus den Tageszeitungen wissen, zwischen
^^Zensur- und Militärbehörden, Kritikern und Theaterleitern heftig ge-
kämpft worden. Man begreift das wohl. Denn während die Kritik es sonst
selten nötig hat, bei einem Aufführungsverbote den Beweggründen der Be-
hörden nachzudenken, weil ihr jeder gewaltsame Eingriff in die Freiheit der
Kunstübung von vornherein als verwerflich oder doch bedenklich erscheint,
konnts man sich bei diesem Stücke auf die bloße Kenntnis vom Stoff und
Inhalt hin fragen, ob es nicht ratsam und verdienstlich sei, seine Aufführung
zu vertagen, bis die Kriegszeit überstanden ist und die Wunden des Gemüts
und der Seele, an die das Werk rührt, zu vernarben angefangen haben . . .

Sieben Matrosen, die im Panzerturm eines Kriegsschiffes in die Schlacht,

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