Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,3.1918

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sieht, wie formt, wie malt er, wie zeichnet, wie radiert, wie modelliert er?
Das interessiert sie. Es ist auch interessant, aber außerdem scheint uns anch
das von Bedeutnng: wie blickt er dem Menschen durch die Haut bis ins tzerz
und durch den Schädel ins Hirn, wie schaut seine Phantasie und was von inneren
Gefühlen verdichtet sie dabei aus den Rätselnebeln der Welt, was ergreift sein
Fühlen vom Vergangenen, was klärt es vom Werdenden, was erahnt es vom
Kommenden? All derlei scheint den Herren seit zwanzig Iahren Nebensache.
Es scheint ihnen nicht hierhergehörig, es scheint ihnen „literarisch", obgleich es
so gewiß sogar zum Spezifischen der bildenden Kunst gehört, wie ein
gemaltes Bildnis eine Persönlichkeit ganz anders hinstellt als eine literarische
Beschreibung, und wie eine Vision des Gefühls doch eben ein Bild gibt. Sie
bleiben stecken, die Herren, im Mittel, im Malerischen. Sie wären oft, und
ob sie besten Willens wären, ganz außerstande, ins geistige Reich zu folgen,
weshalb ihnen dann beim Maler selber das Mittel, das Malen schon als
das letzte Geistige, Geistarme oder Geistreiche erscheint.

Die Reaktion war der Expressionismus. Das Geistige läßt sich nicht
wegschieben, es ist zu kräftig Lazu. Verboten war, es so zu betätigen, wie
das die Iahrtausende seither getan, und ohne eine neue „Richtung" ging's
nicht, also quälte sich die arme Seele um das Natürliche herum. Die Ber-
zückungen mehrten sich, nnd die Verrücktheiten begannen. Stümper traten
als Künstler auf, nnd modernistische Künstler bemühten sich, ihr Können zu
verlernen, damit sie wie solche Stümper aussähen. Unklare Idealisten, klare
Geschäftsleute, sichere Macher und unsichere Kritiker mit Talent oder ohne —
ach nein, die Natur macht keine Sprünge. Die Dadaisten stehn nur als die
Vollender in der Reihe der Arbeiter am Entgeistigen. Daß man mit Stift,
Pinsel, Modellierholz oder Weißel, mit Wort oder mit Ton um die Bewälti-
gung großer und reicher seelischer Massen an Gefühlen und Gesichten ringe,
das ist nicht erst durch sie beiseite getan. Am einen Ende des modifchen Ge-
fühls-Ideals steht schon seit lange nicht mehr der Kampf von Titanen gegen
Götter, sondern das Zappeln der Nerven, und am andern Ende nicht mehr
die reiche Ruhe der Lebensharmonie, sondern das Dösen.

Die Dekadenz schwemmt um alle Inseln herum. Zwar, wo die Fnseln gewach-
sener Grunü sind, da werden sie halten. Aber vieles rund um sie herum er-
trinkt. Erst wenn im Geschlecht der modernen Kunstverwalter der Wille und —
die Fähigkeit wieder da ist, durch das Sinnenfällige der Kunstmittel in den
Bildwerken ihren seelischen Liefen nachzugehn, erst dann wird das Ver-
flachen und Verwitzeln, das Verspielern und Verläppischen und anderseits das
irrsinnige Sichverbohren und Verdrehen als Kulturgefahr gebrochen werden. A

Carl HauPLmann

Zu seinem 60. Geburttag

mit Achtnng, anfangs nur selten mit Wärme und Hingabe auf-
^ (genommen, hat Carl Hauptmann erst spät die Ehren und Würden eines
„Anerkannten" erfahren. Ein rastloses Ringen und Schaffen bezeichnet
seinen dichterischen Lebensweg. Iahr um Iahr trat er mit neuen Werken hervor,
er versuchte sich an allen Gattungen und Stilen, bestürmte die Bühne mit
„naturalistischen", „shmbolistischen", „historischen", Märchendramen, mit Werken
größterl und kleinsten Ausmaßes, erprobte von der Skizze bis zum großen
Zeitroman alle Prosaformen, gab Gedichte, Essays, Aphorismen heraus, hielt
Vorträge über höchst verschiedene Gedankenreihen — was hält dieses umfangreiche,
bunte, gleichsam zerklüftete Lebenswerk zusammen?

Man wird am besten in Hanptmanns Anfänge zurückgehen, um jene
stärkste Begabung zu finden, die sein Schaffen noch immer wesentlich be-
stimmt. Eine naturwissenschastliche Abharidlung mit „streng wissenschaftlicher",
antimetaphhsischer Tendenz steht da am Anfang. Studien aus dem wirk-
lichen Leben, zwei dramatische, eine in Prosa, folgen. And dann erschien
„Ephraims Breite, Schauspiel in fünf Akten", in dem Verlag, der die damals

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