Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,3.1918

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die Geschichte sich für Mehrheitbeschlüss« entschieden, so sagte ich; richtete also
nicht ein Gesetz auf, sondern gab eine Beobachtung wieder — hätte ich wirklich
noch „vorsichtiger" sein inüssen „in der Formulierung der Gedanken ... der
Geschichte"? Oder hätte nicht vielmehr Buschmann auch das Wörtchen mitlesen
sollen, das seine Beweisführung in diesem Punkt hinfällig macht? Nichts aber
hat mir ferner gelegen, als „im Namen der Geschichte" „Gesetze" aufzustellen
und gar für solche Gesetze Beispiele aus der Geschichte anzuhäufen. Viel näher
stehe ich jenem großen Denker, der meinte: aus der Geschichte sei nur eins zu
lernen, daß nämlich aus ihr nichts zu lernen sei. Warum? Weil alles Ge°
schehene vieldeutig und verschieden wertbar ist. So etwa auch die Geschehnisse,
.die Buschmann anführt. Ich z. B. bin ganz und gar nicht der Meinung, eine
verfehlte wirtschaftpolitische Maßnahme* würde dadurch gerechtfertigt, daß sie
später mithilft, die Folgen einer noch verfehlteren Politik abzuwehren. Nnd
jene Heeresorganisation bildete gewiß eine der Voraussetzungen sür die Schlach-
ten von Königgrätz und Sedan, hat aber vielleicht an einer inner- und
weltpolitischen Entwicklung wesentlich mitgewirkt, die wir Anlaß haben tiefer
zu beklagen, als wir das Einigungswerk feiern. Weiß etwa irgend jemand,
ob dieses Werk nicht noch viel befriedigender ausgefallen wäre, wenn nicht
über die Mehrheit hinwegregiert worden wäre? Gerade das aber müßte man
wissen, um den „geschichtlichen Beweis" führen zu können.

Und nun zur Metaphhsik. Buschmann weiß von „schöpferischen Gedanken"
in der „Geschichte der Völker" zu berichten, womit er offenbar die politische
Geschichte meint. Wie es mit solchen Gedanken in der Geschichte der Kultur
steht, darf ich hier vernachlässigen — dieses Problem ist völlig anders gelagert.
Ich für mein Teil weiß aus der politischen Geschichte nur von tatkräftigen
Menschen,- vielleicht kann man sogar von „schöpferischen" Menschen reden in
der Politik. Aber jedenfalls haben sie ebensooft auf der Mehrheit- wie
auf der Minderheitseite gestanüen — ich denke z. B. an den Freiherrn vom
Stein.

Indes, die ganze Betonung der Wirksamkeit des Einzelnen geht an dem
einzigen Problem völlig vorüber, das mit den gegenwärtigen politischen Er°
scheinungen der Mehrheit und der Miriderheit verknüpft ist. Wir haben
einmal diese Erscheinungen. „Wie richtet nran es ein, daß Mehrheit, Minder-
heit und Sachverständige, alle drei miteinander eine möglichst zweckmäßige poli-
tische Wirkung ausüben können?" Darauf habe ich eine Antwort gesucht,
habe dabei anerkannt, daß die „Herrschaft der Besten und Klügsten" (oder wie
Buschmann will: kleiner Gruppen überragender Persönlichkeiten) zu erstreben sei,
aber natürlich innerhalb der politisch organisierten Mehrheit, da jene
Herrschaft „vorläufig" außerhalb der Mehrheit nicht möglich sei. Zu erstreben,
nicht im Vertrauen auf die „ewig schweigsame" „ihren Weg nach eignem Sinn"
gehende „Geschichte", sondern auf unsern Willen, die wir die Geschichte
„machen". „So denkend", schloß ich, „verleihen wir dem Unsinn der Mehrheit
— Sinn." Leider kann ich nicht finden, daß Buschmann auf diese Fragen ein-
ginge oder auch nur den Versuch machte, diesen Gedankengang zu widerlegen.

Wol^gang Schumann

* Die von Buschmann angeführte hat sogar die Mehrheit gefunden!

May-Nummel und freie öffentliche Kritik

Herr Prof. Dr. Alfred Kleinberg, Teschen (Ost.-Schles.), schreibt uns:

ie haben den May-Rummel und die Mah-Reklame schon so oft abwehren
daß Sie und Ihre Leser der jüngste Vorstoß des May-Verlages
^^gegen die freie wissenschaftliche Forschung interessieren
wird.

Für den (3. Band des „Biographischen Iahrbuches und deut-
schen Nekrologes" verfaßte ich im Auftrage von dessen Herausgeber
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