Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,3.1918

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lich ratifiziert habe, sei nichtig, meinte er, und tatsächlich ist bisher noch
immer in jedem parlamentarisch regierten Lande, in jüngster Zeit am
meisten, immer wieder darüber geklagt worden, daß sich politische Par-
teien, sobald sie die parlamentarische Macht in Händen haben, wenig
um die Wünsche ihrer Wähler kümmern, solange nicht Neuwahlsn un-
mittelbar bevorstehen. ^

Lrst wenn aus den Gewaltstaaten der Gegenwart Kulturstaaten wahren
Sinnes geworden sind, kann sich ein Parlamentarismus entfalten, der
dem Gesetz der Spezifikation ebenso Rechnung trägt, wie dem der Homo-
geneität. Das Streben der Bevölkerungen einzelner Landesteile nach
Selbstverwaltung wird dann abgelöst worden sein von dem Selbst-
verwaltungsbedürfnis der einzelnen Bernssverbände, und wenn deren
besondere Angelegenheiten durch Sonderparlamente verwaltet würden,
so wäre dann ein allgemeines Parlament möglich geworden, in dem
nach Clemenceaus Forderung nur wirkliche allgemeine Angelegenheiten
sachlich erörtert würden. Denkbar wäre auch die Schaffung eines Kultur-
rates neben dem politischen Parlament, der keine Beschlüsse zu fassen,
sondern Fragen der Zeit zu klären und die ösfentliche Meinung darüber
aufzuklären und sie vor verhängnisvollen Irrtümern zu bewahren hätte.
Keine Berussverbände oder Parteien dürften in dem Kulturrat ver-
treten sein, keine Personenkreise, sondern organisierte Ideen, die ge-
eignet sind, das ganze Volksleben zu beeinflussen. Solche Ideen kom-
men in freien Vereinen zum Ausdruck. Ein Kultnrrat, der ein Spiegel-
bild des geistigen Lebens eines Volkes abgeben sollte, müßte sich also
aus Abgeordneten von Vereinen zusammensetzen, deren Mitgliederzahl
erstens groß genug wäre, um Gebilde, die uicht dauernd lebensfähig sind,
auszuschalten, die zweitens über das ganze Land verbreitet wären, was ihre
allgemeine Bedeutung verbürgte. Ieder Verein dürfte ganz unabhängig
von seiner Größe nur durch ein oder gleich viele Mitglieder vertreten sein;
denn von einer gewissen Mindeststärke und -verbreitung ab spielt die
Größe eines Vereines für seinen Kulturwert keine Rolle. Der Einfluß
des Kulturrates dürfte nur ein „moralischer" sein; denn dadurch unter-
scheidet sich wahre Kultur von aller Politik, daß sie jede Gewalt aus-
schließt. Höchste Geistigkeit verhält sich zum Leben wie der Wind zu
einem Segelschiff. Der Wind ist die Kraft, die das Schiff vorwärts
treibt, aber es ist der Wille des Schifführers, der die Stellung der Segel
und damit die Richtung bestimmt, in der das Schiff fährt.
j OttoLorbach

Pflege der deutschen Sprache

neuen Zeiten, die der große Krieg heraufgeführt hat oder die man nach
Hseiner Beendigung erwartet, haben auch den Kampf um die Schule neu
belebt. Forderungen, die schon vorher ihr Haupt erhoben, treten jetzt mit
verstärktem Nachdruck aus. Das Deutsche soll in den Mittelpunkt des Unter-
richts treten. Es ist freilich weniger diese Forderung im allgemeinen, die be-
stritten wird; es handelt sich um den Inhalt, den man ihr im einzelnen geben
will. Die Frage der Einheitsschule spielt herein. Hie Welf, hie Waiblingen, hie
Germanistenbund, hie Freunde des humanistischen Ghmnasiums.

Jch habe nicht die Äbsicht, mich in diesen Streit einzumischen; ich möchte
vielmehr eine Frage Herausgreifen, in deren Beurteilung alle Parteien zusammen-
gehen können: das ist die tatsächliche Handhabung unsrer deutschen Sprache.

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