Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,3.1918

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schenleben? Aein, bei einer Mitteilung
über Kaffee-Ersatz. „Zur Verrneidung
des Verbrauches von größeren Men-
gen Getreides (Roggen und Gerste)
sollen überdies zur Herstelluug von
Kaffee-Ersatz getrocknete und gebrannte
Rüben in bedeutendem Waße ver-
wendet werden." Also stand im
Dresdner Amtsblatt, und daun weiter:
„Die Bevölkerung wird sich auch mit
diesem Notbehelf, wie mit so vielen
andern, im Hinblick auf die hohen
Ziele opferfreudig abfinden."

Da kämpfen wir gegen die Fremd-
wörter, das aber lassen wir uns ge-
fallen, daß der Phrasenquirl Wörter,
die einst Herzblut hatten, wie „hohe
Ziele" und „Opfermut", sogar mit
Kaffeersatz verrührt.

Neuer Adel

icht, woher ihr kommt, mache euch
fürderhin eure Ehre, sondern wo°
hin ihr geht! Euer Wille und Euer
Fuß, der über euch selber hinaus will,
das mache eure neue Ehre!

_ Nietzschc

Ansre Vilder

ber das Nembrandtsche Faustbild wird in besonderem Aufsatze ge-
sprochen. Die beiden Textbilder zu diesem Aufsatz sollen nur als
Beispiele dafür dienen, wie andre in jenen Zeiteu den Faust sich
dachten. Das Vergleichen sagt schlagender als lange Ausführungen, daß Rem-
brandt nicht nur als Maler, Zeichner und Radierer, eben als bildender
Künstler, groß war, sondern auch als poetischer Erfasser, Durchdringer und
Veredler eines pshchologischen Vorwurfs.

Zu Bantles Ruf nach Freskomalerei könnten die Michelangelobilder im
vorigen Heft als Begleitbilder gelten. Der Karton von Walter Nehn,
den wir hinter dies Heft setzen, gibt ein Beispiel davon, wie das Ver-
langen nach großer Freskokunst sogar in einem Radierer lebt, vielleicht ohne
daß er selber sich dessen bewußt wird. Man denke sich diesen Karton mit
Riesengestalten als Fresko ausgeführt — entstände nicht so eine Monumen-
talwirkung an Kraft? Die fühlen wir schon aus dem Karton und, was zu-
nächst überrascht: die fühlen wir schon, bevor wir das Bild „verstehn".
Wäre hier nichts als eine erklügelte Allegorie, so könnten wir das ja un-
möglich, denn wir können doch nicht ein Versinnbildlichen treffend finden,
wenn wir nicht einmal wissen, was es versinnbildlichen will. Körper türmen
sich in architektonischer Geschlossenheit, aus verdeckter Lichtquelle überrieselt
sie ein Leuchten. Anmittelbar jedoch ist die Wirkung deshalb: wie brnst ge-
baut und wie streng shmmetrisch geordnet das sei, es ist vom Gefühl
durchflossen. WLHrend dieses in uns eiuströmt, kommen uns aus der dadurch
erregteren Phautasie allmählich erst Deutungen. Die Wahrheit in ihrem
eigenen Licht? Die Kraft, die sich im eigenen Glanze bespiegelt? Das
Schöne, das lockt und unterwirft? Die Gegenwart, welche die Zukunft sieht?
Was der Künstler „sich gedacht" hat, ist für die Wirkung nebensächlich.
Was er „fühlend geschaut" hat — fühlend —, das überträgt sich un-
mittelbar, und das allein erweckt das Nacherleben, welches dann seinerseits
deutet. — Kopfleiste und Schlußstück sind Spielmannsbilder von Steppes.

Herausgeber: vr. b. e. Fcrd. Avenarius in Dresden-Masewitz; verantwortlich: der tzerausgeber —
Derlag von Georg D. W. Sallwey, Druck von Kastner L Lallwey, k. tzosbuchdruckcrci in München —
gn Ssterrcich-Nngarn für tzerausgabe und Schriftleitnng verantwortlich: Qr. Richard Batka in Wien Xlllt«
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