Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,3.1918

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Wir verloren Großes. Und fühlen das «uch. Voller Sehnsucht wandern
wir den weitentfernten Werken nach und stehen ergriffen vor ihnen, eben
weil sie Größe atmen. Wird irgendwo ein ältliches Wandbild entdeckt, dann
werden alle Kunsterhalter anfgebracht und gelehrte Gutachten verfaßt, wie
man das Kleinod erhalten könne. Denn wir kamen soweit zurück, daß wir
nicht mehr einwandfrei zu restaurieren vermögen. Selbst vor Deutschlands
besten Freskobildern, im Aachener Rathaussaale, empfindet man das bitter,
und wie wurden im Großherzoglichen Schlosse zu Mannheim die Kalk-
malereien Asams bei einer unglücklichen Restauration verderbt! Nur will-
kürlich diese Beispiele. Wer das Freskomalen nicht lernte, kann Alters-
schwächen von Fresken auch nicht heilen. Die Struktionskenntnis der Lechnik
hat er ja nicht mehr. Mit Rethel, der seine kraftvollen Kompositionen noch
prima in den nassen Kalk zu malen verstand, starb unser letzter Freskomaler
von Größe. In St. Apollinaris zu Remagen leistete wohl Deger in seiner
Kreuzlgung und die Beuroner Schule in St. Maurus noch sehr Beachtens-
wertes, auf großem Plan aber ist die Freskomalerei völlig verschwunden.
Alle versagten, die Kunstfreunde, die Behörden und die Künstlerbildungs-
anstalten. Einzelversuche haben fast immer eine Abermalung aufzuweisen
und verlieren den Anspruch reiner Kalkmalerei. Dem ernsten Wollen
Theodor Fischers in seinen Pfullinger Hallen versagten die Maler; es bleibt,
solange das interessante Gebäude steht, eine Schwäche, daß insbesondere Brühl-
manns Bilder nicht in den nassen Kalk gemalt werden konnten.

Freilich, es wäre anstrengender, als die Erlernung und Beherrschung dieser
Kunst! Ein ernster Mensch wird nach zehn- bis fünfzehnjähriger Abung
mit unerschütterlicher Geduld und robustester Gesundheit es vielleicht soweit
bringen können, daß er eine Wand auftragen und bemalen kann. Mit jeder
neuen Mauer aber treten dann neue Rätsel, abhängend von Material und
Wetter, auf, welche die Erfahrnngen ändern und erweitern. Welcher Maler
kann noch den Kalk beurteilen oder weiß etwas über seine Behandlung, bis
er zum Freskomörtel das erforderliche Alter hat? Oder von der individuellen
Znbereitnng, Auftrocknung, Lichtstärke, Mischungsmöglichkeit jeder einzelnen
Farbe, der beschränkten Palette, von der erforderlichen pedantischen Reinlich-
keit, der delikaten Behandlung der Pinsel? In weitem Bogen gehen die Maler
am Fresko vorbei und schützen alles vor, warum man nicht mehr auf nassen
Kalk malen könne. Nur sagen sie uns nie — daß sie dafür zu bequem ge-
worden sind.

And doch liegt es nur daran, daß man Bilder im Atelier auf Leinwand
oder Schiefertafel malt und sie als Ersatz für Fresko auf die Mauer klebt.
Im Atelier kann man morgens spät anfangen, ändern, pausieren, kann da°
zwischen ins Kaffeehaus gehn und seine Hände pflegen. Der Freskomaler
aber muß bei Tagesgrauen beginnen und sein Pensum an einem Stück
durchmalen, er kann niemals korrigieren und er bekommt vom Kalk rauhe
Hände.

Ein hartes Malergeschlecht tut uns aber not! Die Sixtinische Kapelle
sollte auf Rat von Frau Sebastian in Sl gemalt werden. „Die Slmalerei taugt
nur für Weiber" entschied Michelangelo. Wer diese schwierigste Lechnik be-
zwingt, legt schon durch seinen Ernst auch ethische Werte mit ins Werk. Ist
im Schützengraben das Künstlergeschlecht der Männer geworden, die wir hier
brauchen? Wer das Fresko aus seinem Schlaf wecken will, muß eben zu
ihm durch Dornen. Er hat kein Verständnis und weder von oben noch von
unten Hilfe zu erwarten. And doch muß es wieder gepflegt werden, wenn
die deutsche Kunst zur Größe soll.

Wie steht es denn mit unsern Besitzenden? Haben sie kein Bedürfnis
danach, ihren Wohnstätten durch Wandbemalungen, wie etwa die Pompejaner
und die Italiener des Rinascimento, Dauerwert mit dem Stempel der Größe
zu verschaffen? Rnd wie soll man denu gerade für unsere Zukunft die Mensch-
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