Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,3.1918

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Es ist nicht leicht, die wissenschaftlichen Errungenschaften seines Lebens-
werks auf eine einheitliche Formel zn bringen. Manches, dnrch das er zu
Lebzeiten besonders stark gewirkt hat, ist hente schon ganz nnd gar verschwunden.
Dahin gehört z.B. die Art und Weise, wie er, dnrchaus in der Methode seines
Meisters verharrend, die Hegelsche Philosophie auf den Kopf (oder, wie er selbst
behauptet. vom Kopf auf die Füße) gestellt hat. Die umfangreichen Schriften,
in denen er das tat, sind heute bei' der Masse seiner Anhänger ganz und gar
vergessen. Wer, der nicht aus Berufsgründen die vier umfangreichen, von
Mehring so vortrefflich herausgegebenen Bände „Iugendschriften von Marx,
Engels und Lassalle" liest, weiß noch, daß darin eine Schrift von mehreren
hundert Seiten wiedergegeben ist („Die heilige Familie"), die in der unerträg-
lichsten Spitzfindigkeit und zugleich in mitreißender Leidenschaftlichkeit des
Philosophierens den philosophischen Materialismus als die wahre Konsequenz
der Hegelschen Metaphhsik nachweist und für richtig erklärt. Und doch hat ein
Menschenalter lang eine schier unübersehbare Iahl von Arbeiterführern aus
diesen Philosophemen ihre philosophische Bildung gesogen. Geblieben ist davon
nur das Ergebnis: der Materialismus; der Geist, der Philosophie Lebens-
sache sein läßt, ist verflogen. Als dauerhafter hat sich Marxens Weiterentwicklung
der nationalökonomischen Grundlagen der Gesellschaftswissenschaften erwiesen.
Auch da ist ihm kein üppiges Kornfeld auf der flachen Hand gewachsen. Auch
da hat er an Errungenschaften früherer Forscher sorgsam angeknüpft. Die
nationalökonomische Lehre vom Arbeitswert, die besonders Ricardo zuletzt vor
ihm fortgebildet hatte, hat er als letzter konsequent durchgeführt und nach zwei
Seiten weiter ausgestaltet: er hat ein großes und restlos umfassendes Bild des
tatsächlichen Ablaufs der kapitalistischen Wirtschaft auf diesen Grundgedanken
fußend dargestellt und auf der andern Seite die Lehre vom historischen Materialis-
mus, die ökonomische Geschichtsauffassung, entworfen, die die Vorherrschaft von
Nützlichkeitserwägungen in der Bestimmung des menschlichen Handelns ein für
allemal feststellte und zeigte, wie diese Zwecksetzung den Ablauf der Geschichte
in seinen wesentlichen Phasen bestimmt. Dadurch hat er die Gesellschafts-
wissenschaften von der ethischen Mhthologie befreit. Nach ihm waren keine
Geschichte und keine Nationalökonomie mehr denkbar, die nicht auf die wirklich
tiefsten Triebkräfte des menschlichen Handelns zurückgriffen. Durch die größten
Forscher: in der politischen Geschichte Lamprecht, in der Geistesgeschichte Dilthey,
in der Erdkunde Hanslik, in der Nationalökonomie Böhm-Bawerk, hat diese
Marxsche Theorie zwar entscheidende Erweiterungen erfahren, und der vor-
läufig letzte große Zusammenfasser in der Geschichts- und Gesellschaftswissenschaft
Müller-Lyer, hat Marxsche Einseitigkeiten berichtigt — aber sie alle stehn
mit beiden Füßen auf Marxschem Erbgut und wären nichts ohne ihn.

Es gilt aber nicht nur eines großen Wissenschaftlers zu gedenken, sondern
auch eines großen Menschenführers. Marx ist noch heute der Abgott, der geistige
Vater dcr Arbeitcrbewegnng. Mögen die Führer orthodox seine Ayfstellungen
ausdeuten oder sie zu modernisieren versuchen, sie sirrd doch in allem Wesent-
lichen seine Schüler und wollen es auch bleiben. Sie können es auch bleiben,
weil Marx aus der im luftleeren Raum schweberrden Wissenschaft den entschei-
denden Schritt in das wogende Volksleben getan hat. Der Gipfel seiner Ge-
schichtsdarstellung und seiner Beschreibung des wirtschaftlichen Kreislaufs war
der Nachweis, daß die Geschichte und die Gegenwart einen ewigen Kampf dar-

besten tut man, einiges von Marx selbst zu lesen, etwa „Der (8. Brunraire des
Louis Bonaparte" oder den ersten Band des „Kapital". Besonders aufschluß-
reich für dre politischen Folgerungen der Marxschen Denkleistung sind die jetzt
von Rjasanow herausgegebcnen beiden Bände „Gesammelte Schriften von
Marx und Engels (852—(862", die auch allgemeinem Verständnis besonders
leicht zugänglich sind Das beste populäre Buch, in dem man den Marxismus
ckenneu lernen kann, sind trotz recht erheblicher Mängel noch immer Bebels
Werk: „Die Frau und der Sozialismus" nnd Friedrich Engels' „Lage der arbei-
tenden Klasse in England". (Alle hier genannten Werke erschienen, meist zu
billigen Preisen, bei I. H. W. Dietz in Stuttgart.)

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