Beck, Paul [Editor]; Hofele, Engelbert [Editor]; Diözese Rottenburg [Editor]
Diözesan-Archiv von Schwaben: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Kunst und Kultur der Diözese Rottenburg und der angrenzenden Gebiete — 20.1902

Page: 125
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/dioezarchivschwab1902/0133
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
125

gekommen wäre, die beiden Gruppen mit-
einander in Zusammenhang zu bringen!
Nach Lage der Sache und des freilich be-
scheidenen urkundlichen Materials wird
mau eben anzunehmen haben, daß Mnltscher
als Tafelmeister bezw. Altarlieferant zwar
den plastischen Teil beider Altar werke selbst
gefertigt hat (woraus auch die Inschriften
an dem einen zu beziehen sind), die Malerei
an denselben aber jedesmal durch einen
anderen Maler aus führen ließ. — Bei
der nun offenen Frage nach dem Maler
der Berliner Bilder darf man vielleicht
an die zeitgenössischen Künstler
Hans und Ivo Strigel (Brüder?)
ans Memmingen denken, welche das >
im Kataloge S. 27 anfgeführte große
Werdenberg-Königseggsche
Votivbild vom Jahre 1438 laut In-
schrift gemalt haben, welches gleichfalls
nach England zu Anfang des vorigen
Jahrhunderts gewandert ist, wohl noch
irgendwo in einer Sammlung des Insel-
reiches steckt und hoffentlich — woran die
maßgebenden Kunstkreise alles setzen sollten
— bald ausfindig gemacht werden wird.
Eher als nicht gehörten auch diese Bilder
zu einem früheren Flügelaltar, welchen
wir uns ursprünglich in einer der Werden-
bergschen oder Königseggschen Kirchen oder
Kapellen ausgestellt zu denken haben werden ;
und war vielleicht der eine der beiden Künstler
Maler, der andere Bildhauer ? Wir vermuten
diese Altarflügel, wie die Multscherschen,
schon vor Anlage der „Truchsessengalerie"
in Waldbnrgschem Besitze, wie dieselben
auch bereits in den ersten Verzeichnissen
von Wnrzach laufen, übrigens unter einigen
abweichenden, der Sache selbst keinen Ab-
bruch thuenden Bezeichnungen, wie Stridel,
st. Strigel, Iribuns in Dlrno st. Mem-
mingen, 1437 st. 1438 und Mont fort
st. Werdenberg. In den »TRdlenux
6es peintres« findet sich folgende Anord-
nung bezw. Reihenfolge der Bilder ange-
geben : »Oeux ckoubles volets repregen-
tnnts 6'une pari: Un snIutLtion 6e
1'nnAe, snvoir ln sninte Vierte ck'une
xmrt ei nu das ln tnmille 6es corn1e3
6e Noutkort; IL^n^e 6e 1'nutre pari
ei nu dns ln inlnille 6e8 comies cke
Xoeni^se^A, mnr^ues 6e l'nn 14Z7.
Te revers: Trois sninis, snvoir Li.
Antoine, Lie. Tp^nes ei Li. Oeor^e;

iroi3 nuire8 Lnini3: Li. )enn Knpil8ie,
Lie. Enillerine ei Li. )enn lllvnn§eli8ie.«
Ein Bedenken an der Katalogangabe können
wir nicht unterdrücken, daß nämlich zu jener
Zeit nach dem „Stammbaum des
Hauses Königs egg, 1884" und auch
nach Vanottis Geschichte der miteinander
stammverwandten Grafen v. Montfort und
Werdenberg keinerlei Familienverbindnngen
zwischen den beiden Geschlechtern Montsort-
Werdenberg und Königsegg vorkamen. Erst
über 100 Jahre später war eine solche in der
1556 geschlossenen Ehe des Frhrn.Joh.Jak.
v. Königsegg mit Elisabeth?, Tochter des
Grafen Hang v. Montfort Tettnang, zu
stände gekommen, welch' ersterer 1565 die
Reichsgrasschaft Nothenfels von seinem
Schwager, Grafen Ulrich v. Montfort-
Tettnang, erkaufte; auch gab es im Jahre
1438 überhaupt noch keine Grafen,
sondern Freiherren v. Königsegg, soferne
solche erst 1629 in den Reichsgrasenstand
erhoben wurden. Noch möchten wir nicht
unterlassen, bei dieser Gelegenheit darauf
hinzuweisen, daß vor Zeiten sich eine Reihe
von den Strigeln zngewiesenen altdeutschen
Gemälden in Anlendorf (Kirche und
Schloß?), der Residenz der sich hienach
schreibenden Hauptlinie der Grafen von
Königsegg, befand, welche jetzt den
Galerien von Sigmaringen und Stuttgart
angehören (s. Beck in dieser Zeitschrift
von 1897, S. 74/75). — Jedenfalls ist
aber der hier vorliegende Nachweis von
zwei so frühen Gliedern der zahlreichen
Künstlerfamilie Strigel in Mem-
mingen, nämlich von Hans und Ivo
(den sich in diesem Geschlechts forterbenden
Vornamen) i.J. 1438, welche also, wenn nicht
schon im 14. Jahrh., so doch schon zu An-
fang des 15. Jahrhunderts geboren worden
sein mußten, für die schwäbische Kunst-
geschichte ungemein wichtig. Bislang war
nach dem von Professor vr. N. Bischer
im „Allg. Geschichtsfreund" von 1889
Nr. 7 S. 83 veröffentlichten Strigelschen
Stammbaum (s. auch „D.-A." 1893,
S. 84/85) als Geschlechtsältester bloß der
schon 1433 vorkommende Maler Hans ll)
Strigel (verehelicht mit Anna ?), ch 1460
(welcher also der aus dem Votivbild be-
zeichnte Künstler Hans Strigel gewesen
sein kann), mit seinen Söhnen Ivo,
Bildschnitzer und Maler (1430—1516)
loading ...