Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 13.1903-1904

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Zwei Sanatorien in Badenweiler,

Der neue Stil marschiert! Und zwar
— Gott seis getrommelt und ge-
pfiffen — nicht blos der affenmäßig
verzerrte, mit dem der spekulative Fabrikant
gewissenlos den verbildeten Instinkten des
Publikums schmeicheln zu müssen glaubt,
^as Entscheidende ist, dass die führenden
ernsthaften Vertreter allmählich Gelegenheit
gewinnen, ins Volk zu wirken und merklich
erzieherisch auf die Massen zu wirken. Über
dje Boudoirs der Snobs ist er ja schon lange
hinausgedrungen. Schon gewahrt man in
mittleren Bürger-Häusern da und dort ein
Aufblitzen des neuen Geistes und seines
fahren künstlerischen Ausdruckes. Aber
das Wichtigste bleibt, dass er sich mehr und
mehr öffentlicher Räume bemächtigt. Diese
Tatsache ist wichtiger, als man in der Regel
anzunehmen geneigt ist.
Die altdeutsche Bier-Stube
hat einst mehr als alles
andere den Geschmack
für Butzen-Scheiben und
dunkle Renaissancemöbel
erzogen. Einem ähnlichen
■Prozess gehen wir jetzt
mit den neuen Formen
entgegen. Schon besitzen
wir im Stil unserer eigenen
^eit u. a. ein Museum
(Hagen i. W.), ein Aus-
stellungs-Gebäude (W len),
ein ernstes Theater (Mün-
chen), eine Kirche (Dres-
den),eineStadtbahn(Wien),
ein Hötel für die vornehme
Welt (Vier Jahres-Zeiten
ln München), ein Stan-
des-Amt (Dessau), Läden
für Friseure und Kodak-
Artikel. Jeder dieser Auf-
träge stellte den neuen Stil
auf die Probe und jedes-
mal hat er sich glänzend
bewährt; mit jeder Tat fiel
ein Stück jenes falschen
und eingebildeten Histo-
rismus zu Boden, der uns

die Helläugigkeit gestohlen und durch auf-
getürmte Vergleichs-Massen den gesunden
Sinn verwirrt hatte. —

Nun aber hat sich die neue Formen-
Empfindung für Innen-Dekoration an zwei
Aufgaben zu versuchen gehabt, die zu lösen
meines Wissens ihr bisher noch nicht
vergönnt war. In dem entzückenden
Badenweiler, das windlos, von Sonne durch-
leuchtet, im Schosse der herrlichsten Wälder
mit dem Blick auf die erinnerungsreiche
Rhein-Ebene und den gewaltigen elsässischen
Hohen - Belchen in einer stillen Bucht des
Rhein - Tales liegt und sich allmählich
zu einem der glücklichsten Erden-Winkel
gestaltet, gerieten zwei weitsehende Unter-
nehmer, Herr Paul und Frau Bürgermeister
Krautinger, auf den Gedanken, die Vornehm-

K. BERTSCH. Villa Paul. Haus für Lungen-Kranke in Waldeck-Badenweiler.
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