Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 13.1903-1904

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Zur Kunstgewerbe-Schule der Zukunft

VON GEORG FUCHS—DARMSTADT.

Wenn wir die gegenwärtige Situation
in der modernen Bewegung der an-
gewandten Künste kurz kennzeichnen wollen,
So können wir sagen, dass wir uns in einem
Stadium der allmählichen Konsolidierung be-
finden. Die »moderne Richtung« verliert
allmählich ihre sensationelle Wirkung, sie wird
allmählich etwas Selbstverständliches. Damit
zugleich muss sich naturgemäß auch eine
Veränderung in der Stellung der Künstler
2ur praktischen Produktion anbahnen; und
wir sehen denn auch in der Tat, wie sie
nach und nach alle als Lehrer, Professoren,
Direktoren an Kunst-Schulen oder an Tech-
nischen Hochschulen ihren Einzug halten;
nicht nur die führenden Geister, sondern auch
schon ihre Schüler und Nachfolger. Welch'
ein Aufsehen erregte es nicht, als im Jahre
l897 Otto Eckmann als Professor an die
Unterrichts-Anstalt des Berliner Kunstge-
werbe-Museums berufen wurde' Und wie
selbstverständlich, wenn auch freudig, nimmt
'nan es heute schon hin, wenn selbst ganz
iunge Künstler wieBürck, Lang, Bosselt, Nigg,
Ehmke, Rochga u. A. in Lehrer-Stellungen
einrücken! — Freilich, diese Talente werden
uamit der Praxis nicht entzogen. Sie üben
,nre private Tätigkeit nach wie vor in Ver-
bindung mit Industrie und Handwerk aus;
allein es ist trotzdem nicht zu verkennen, wie
sich ihre Stellung mehr und mehr nach der
Seite ideeller Führerschaft hin verschiebt.
*-s mag darum gerade jetzt angezeigt er-
scheinen, zu diesen Wandlungen, ihren Ur-
sachen und ihren wahrscheinlichen Folgen
im Nachstehenden einige Glossen zu geben,
^ie natürlich in keiner Weise den Anspruch
erheben wollen, die Frage in abschliessender
^eise zu beantworten, sondern die lediglich
zu weiteren Erwägungen namentlich auch in
^en leitenden Kreisen unseres höheren und
Mittleren Gewerbe - Schulwesens anregen
m°chten. — Es wird gut sein, wenn wir
herbei vom Standpunkte der Praxis aus-
gehen; denn die Unterrichts-Anstalten, welche
hier in Betracht zu ziehen wären, sind aus-
schliesslich der Erziehung künstlerischer

1»04. IV. 7.

Kräfte oder Hilfs-Kräfte für die Industrie,
das Handwerk und Baugewerbe gewidmet.
Sie unterscheiden sich dadurch wesentlich
von den Akademieen, welche einzig und
allein den Zweck verfolgen, junge Talente
oder solche, die sich dafür halten, für die
freien Künste auszubilden ohne jede Rück-
sicht auf die Bedürfnisse des Lebens und
der wirtschaftlichen Produktion. So töricht
es also auch ist, wenn ultraradikale Elemente
die Akademien überhaupt vom Erdboden
verschwinden lassen wollen, so sicher ist es
andererseits aber auch, dass jene »akademische
Freiheit« als höchst unbeabsichtigte Neben-
wirkung ein in beängstigender Weise heran-
schwellendes »Künstler-Proletariat«, gezüchtet
hat, dessen Produkte die Ausstellungen und
Kunst-Handlungen überschwemmen, dessen
Angehörige, oft im Grunde höchst talentvolle
Leute, in den traurigsten sozialen Verhält-
nissen verkümmern. Es wäre daher geradezu
auch eine höchst segensreiche soziale Tat,
wenn durch die Mitwirkung unserer immer
mehr auf die Lehr-Tätigkeit hingedrängten
führenden Gewerbe-Künstler höhere Unter-
richts-Anstalten für angewandte Kunst er-
wüchsen ! Diese wären allein geeignet, die bis-
her nur allzu oft dem Proletariat geweihten
Talente dem Gewerbe zuzuführen und damit
wirtschaftlich auf gesunde Füsse zu stellen!
— Und was unsere kunstindustrielle Praxis
anlangt, so schreit sie ja geradezu nach
Künstlern, welche, selbstverständlich ohne an
ihrer Eigenart Einbusse zu erleiden und ohne
faule Kompromisse mit dem schlechten Ge-
schmacke, ganz mit den technischen Voraus-
setzungen der einzelnen Industrie - Zweige
vertraut werden, ganz in der Praxis aufgehen
können. — Das ist es eigentlich, was uns
bisher am allermeisten fehlte und hierin liegt
vielleicht die wesentliche Ursache, warum die
Wechsel-Wirkung zwischen Kunst und In-
dustrie, angewandter Kunst und den Neig-
ungen der gebildeten Volks - Kreise, kurz
zwischen Kunst und Leben bisher in Deutsch-
land immer noch verhältnismäßig spärlich
war; jedenfalls nicht entfernt so intensiv und
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