Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 13.1903-1904

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Der Bildhauer Otto Richter—Berlin,

In jedem echten Künstler-Leben ereignet es sich auf ein-
mal, gleichsam über Nacht, dass alles zu grossen Ent-
kleidungen hindrängt, dass die Erfolge sich häufen, dass
Slch alle knospenden Entwürfe zu voller Blüten - Pracht
erschliessen. In der Entwickelung des Berliner Bildhauers
Richter, der jetzt in der Mitte der Dreissiger steht,
'dachte das Jahr 1901 solch entscheidende Wendung. Im
Wettbewerb um das Charlottenburger Kaiser Friedrich-
Denkmal errang Richter, der aus den Modellier-Sälen der
Konigl, Porzellan-Manufaktur in Charlottenburg hervor-
gegangen war, vor zwei Jahren den ersten Preis. Zugleich
erschienen von ihm auf der Berliner Ausstellung zwei
Bild-Werke von hohem Rang: die Gruppe des Abends,
die Heimkehr einer ländlichen Mutter mit ihren zwei zarten
Kindern darstellend, ein Bild-Werk von einer bezaubernd
endseligen Stimmung, und zweitens ein Symbol-Werk der
Qual. j-j;er war em J^((t von vortrefflicher Durchbildung:
"1 zu Boden geworfener
und gefesselter Jüngling, der
sich Ke},en den Schlangen-
Blss qualvoll aufbäumt,
8anz eigenartig vergeistigt.
111 demselben Jahre schuf
dichter u. a. auch das
»Hikisierende Relief des

Ackerbauers, das hier im
Bild

Dieser Marmor-Büste wohnt eine edle Grösse inne bei einer
Krauen -Schönheit von echt moderner Eleganz. Die glück-
liche Mutter trägt das Bronze-Medaillon ihres Erstgeborenen
zur Schau, wirksam hebt sich das Dunkel der Bronze gegen
den Glanz des marmornen Inkarnats ab und wundervoll
umrahmen die feinartikulierten Krauen-Hände das Kinder-
Bikinis. Gewiss sind das Werke eines Anfängers: Richter
hat so wenig wie Mrtznrr den akademischen Drill durch-
laufen. Er fing als Elfenbein-Schnitzer an und entwickelte
sich dann aus dem Geiste der Wallot-Schule in der Richtung
der monumental-dekorativen Skulptur. Seit Mitte der neun-
ziger Jahre sind aus seinen Ateliers lange Reihen von pom-
pösen Schmuck-Bildwerken für Berliner Monumental-Bauten
hervorgegangen, bis denn um die Jahrhundertwende die Ideal-
Skulpturen in Richters Werk zu dominieren anfingen. Das
Zusammenarbeiten mit den ersten Architekten Berlins,

dann auch mit Hilgers

Aug

e vorgeführt wird, und
ein Frauen - Bildnis, in
Welchem sich der Mutter-
vergegenständlicht.

Stolz

Vogel hat wesentlich
zur Ausreifung des beweg-
samen Talentes, das sich
auf einem heissblütigen
Temperament gründet, bei-
getragen. Ohne Zweifel
eröffnet sich vor dem
Künstler eine glänzende
Perspektive, da O. Richter
die Gabe besitzt, selbst
hochfliegende und kühne
Pläne mit festgeschulter
und sicherer Hand zu
meistern. IC. K.—BERLIN.
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