Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 13.1903-1904

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A. Jaumann—München: Die Zukunft der Historien-Malerei.

Licht bestrahlte, auf der anderen die heid-
nische Sonne flackernd ihre letzten Gluten
versandte. — Gehen wir nun weiter zum
Zeichnerischen. Wie wird es da mit der
historischen Genauigkeit bestellt sein? Vor
allem beim Porträt! Ist Porträt-Ähnlichkeit
bei historischer Malerei unbedingt erstrebens-
wert? Wieder kommt es darauf an, ob wir
es auf Richtigkeit im Äusserlichen, Zufälligen
abgesehen haben, oder auf das Wesentliche.
Das Wesentliche aber beim Porträt wäre,
Karakter und Bedeutung einer Persönlich-
keit zum Ausdruck zu bringen. Nun ist es
freilich richtig, dass die Karakter-Eigen-
schaften eines Menschen sich nach tieferen
Gesetzen in seinen Gesichts-Zügen ausprägen,
und eine richtige Wiedergabe derselben so-
nach die ganze Persönlichkeit uns künden
muss; allein, abgesehen von allem andern,
ist bei Porträts aus vergangenen Zeiten zu
berücksichtigen, dass sie oft recht mangel-
haft überliefert sind, oder, wenn etwa ein
wirklicher Künstler ihr Urheber, dieser nicht
selten seinem Stil oder seiner Manier die
Genauigkeit und Ähnlichkeit seines Porträts
geopfert hat. Wozu nun den Maler an solche
Überlieferung binden ? Besser als das Durch-
stöbern ganzer Bibliotheken und Galerieen
wird es für ihn sein, sein inneres Gesicht zu
Rate zu ziehen und zu fragen: Wie muss
ein Mann, der dies oder jenes vollbrachte,
geartet gewesen sein, und welche äussere
Erscheinung dürfte diesem Wesen entspre-
chen ? Ferner: Welche Eigenschaften werden
in der bestimmten Situation, die ich darzu-
stellen habe, besonders zu Tage getreten sein,

und wie kann ich sie in meinem Bilde zum
Ausdruck bringen? Ich will damit nicht
jenen flauen Ideal-Bildnissen das Wort reden,
wie sie früher in der Mode waren, im Gegen-
teil, die Karakteristik im Porträt sei so
scharf wie möglich, nur, glaube ich, wird
dieses Ziel nicht erreicht werden können,
wenn man dem Maler strenge historische
Treue und sklavisches Festhalten an der
Überlieferung zur Pflicht macht. Seine
Wahrheit wird eine solche höherer Ordnung
sein gegenüber der des Chronisten. Er
offenbart die Seele der Menschen, den Geist
von Zeitaltern. Jeder Strich, jede Farbe
haben in seinem Bild Bedeutung; sie er-
zählen etwas, aber in einer ganz besonderen
Art, wie es Worte nicht könnten. —

Hierin wird der Künstler den besonderen
Vorzug einer Kunst sehen, aber auch ihre
besondere Schwierigkeit. Und das soll nicht
geleugnet werden: Schwierig ist es, wirklich
monumentale Historien-Malerei zu machen;
hohe Anforderungen werden gestellt. Denn
wir haben jetzt so viel gute Malerei gesehen,
dass wir einigermaßen verwöhnt sind. Aber
gerade diese Vorarbeit, welche auf anderen
Gebieten geleistet worden ist, wird dem
kommenden Historien - Maler seine Arbeit
wieder erleichtern; er kann aufbauen auf den
Errungenschaften anderer. Was die Malerei
überhaupt gelernt, sei es Behandlung von
Farbe oder Licht, Linien-Führung oder Kom-
position, das muss er anwenden und ver-
arbeiten; wir erwarten eine wirklich moderne
Malerei von ihm, und eine monumentale
überdies für unsere Zeit. a. jaumann—München.
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