Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 51.1922-1923

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KLEINE FABEL.

Jüngst wollte ich wissen, warum es dem Men-
schen gegeben ist, auf so verschiedene Weise
zum Erlebnis ganz großer Kunstwerke zu ge-
langen, und ich ging zu meinem Freunde, dem
Dichter, zu dem ich immer mit den Sorgen eines
nachdenklichen Schülers um Rat und Auskunft
komme, und fragte umschweifig, wie es sich denn
mit dieser Sache verhielte. Da erzählte er mir
als Antwort folgende Fabel:

„ Ein Bauer, der sich ein Gütlein kaufen wollte,
ging über ein reiches Ried. Er sah sich an, wie
die Frucht auf den Feldern stand, kaute ein
paar Körner aus einer Weizenähre, raufte einen
Kartoffelstock aus und hob eine Hand voll Erde
auf, um die Ackerkrume zu prüfen. Als er sah,
daß dies alles gut war, blickte er befriedigt um
sich, und die Landschaft gefiel ihm wohl, Nicht
lange danach kamen zwei Sommergäste des
Weges, die sich zur Erholung in dieser anmutigen
Gegend aufhielten. Der Ältere, ein erfahrener
Offizier, sprach zu seinem Begleiter, der eben-
so leicht als Künstler zu erkennen war, er freue
sich, daß die Landschaft militärisch so gut aus-
zuwerten sei. Die kleinen Gehölze seien wie
geschaffen zur Aufstellung und Entwicklung
einer Schlacht, das blache Feld sei überaus gün-
stig für kämpfende Infanterie, die Pappelreihen
seien für die Artillerie ein gegebenes Ziel. Der
Künstler lachte und sagte: „Mich freut es, daß
diese eintönige Ebene durch Gehölze, Hecken
und Baumgruppen so wunderbar belebt ist, daß
das Auge überall Abwechslung findet." Beide
ließen ihre Augen schweifen und die Landschaft
gefiel ihnen wohl. In der Nähe des Weges war
eine tiefe Sandgrube, dort stand ein Geologe,
der mit dem Plan einer weitverzweigten Wasser-
leitungsanlage die Gegend bereiste. Er be-
trachtete die Schichten der Erde und des Ge-
steins und deren Lagerung, nickte befriedigt
mit dem Haupt und schrieb etwas in seinen Plan.
Er sah sich dann in der Gegend um, und die Land-
schaft gefiel ihm wohl. Nicht lange danach trafen
sich desselbigen Weges zwei Herren, deren
einer ein Professor mit Brille und Botanisier-
trommel war. Der andere war ein großer Nimrod,
der, die Büchse geschultert, mit seinem Hunde
die Streife ging. „Herrliches Land," grüßte der
Naturforscher, „ich habe allein heute dort hinten
im Moor soviel Interessantes gefunden, daß ich
für Wochen genug zu untersuchen habe mit dem
Mikroskop," „Ewige Jagdgründe", gab der
Weidmann zurück, „es hält sich viel im Röhricht
und im dichten Busch, ich sage Ihnen, herrlich

viel Wild, ich habe für alle Tage eine gute Strecke
gewiß," Sie gingen ein jeder seines Weges,
ließen ihre Augen schweifen, und die Landschaft
gefiel ihnen wohl. Ein Philosoph, der am Rand
des nächsten Gehölzes seine kleine Hütte hatte,
wo er seine Zeit in großer Naturfreundschaft
und ganz der Anschauung hingegeben zubrachte,
hatte vor seiner Tür sitzend alle, die vorbeige-
gangen waren, beobachtet. Er hatte aus den
Mienen und Gebärden gelesen, was in den ver-
schiedenen Menschen vorgegangen war, und
der Wind hatte ihm von den Reden genug Worte
zugetragen, so daß er verstehen konnte, wovon
hier gehandelt ward. Ihm schienen die Men-
schen in ihrem Wohlgefallen an der Natur so
vielfältig wie die Landschaft selbst, er freute
sich darüber und dachte bei sich: „Bin ich nicht
unweise, daß ich mir alle die Umwege, die denen
zur Freude an der Natur verhelfen, verwehrt
habe? Oder bin ich gar glücklicher daran, wenn
ich rein und unmittelbar und im Geist die Natur
erlebe?" Er blickte herum, und die Landschaft
gefiel ihm wohl. Da sah er, wie aus Mohn und
Wegerichstauden ein Landstreicher aufsprang,
sein Bündel nahm uad fröhlich singend seine
Straße weiter zog. Der junge Bursch hatte eine
gute Weile im Rainkraut gerastet, er hatte seine
Augen satt getrunken an der Schönheit der Ge-
gend , nun schritt er rüstig, den Knotenstock
schwingend, davon. Da dachte der Philosoph,
als er ihm nachsah, bei sich: Oder hat dieser
das beste Los erwählt? Er wandert und denkt
sich vielleicht nicht einmal viel dabei und liebt
mit seinen jungen Augen die Erde. Er hat wohl
in manchem Betracht noch nicht vom Baum
der Erkenntnis gegessen, so ist ihm die Welt
ein Paradies." —

Ich bedankte mich höflich für diese Legende,
da fuhr mein weiser Ratgeber fort: „Und sehen
Sie, mein Freund, genau so verhält es sich in
der Kunst, Wir alle wandeln durch die Welt
großer Kunstwerke, wie im Tempel der Natur,
ein jeder sieht und hört und kann finden, was er
sucht und was ihm paßt, jeder begreift mit seinen
Begriffen und kann auf seine Art Wohlgefälliges
und Bereicherungen empfangen. Und so ists
ganz gut. Schlimm ists aber, wenn einer ver-
gißt , daß er im Tempel ist und nicht auf der
Gasse des Alltäglichen, und bemitleidenswert
sind die, die verlernt haben, von ihrem un-
wichtigen Standpunkt aus ins Große, ins all-
gemeine Blickfeld vorzustoßen, so die Zu-
sammenhänge vergessen und wähnen, die Welt
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