Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 51.1922-1923

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Die Landschaft J. W. Schüleins.

j. w. schulein—münchen.

gemälde »stadt mit brücke«

und so gibt es bei der umfassenden Ausstellung
der Galerie Thannhauser, welcher die kenn-
zeichnenden Proben dieses Heftes entnommen
sind, auch Bilder, die zwar reizen, aber mit
dem Aufwand ihres größeren Formats und ihrer
Öltechnik doch weniger erfüllen als manches
kleine Aquarellblatt.

In nichts Graphiker, ist Schtilein dem zur
Entschlossenheit und Präzision zwingenden,
dabei doch der Andeutung soviel Spielraum
lassenden Wasserfarben-Verfahren viel schul-
dig. Er hat im Besten seiner Ölmalerei viel von
der transluciden Leichtigkeit des Aquarells, so-
viel fast, daß man oft glaubt, das Wasserfarben-
blatt als das wahre und eigentliche Ausdruck-
mittel dieser ganz auf momentane Erregung
gestellten Begabung ansprechen zu müssen.
Hier, im Aquarell, tritt oft noch zu den Aus-
sagen von Schüleins Kunst noch ein spirituell
vertieftes Element hinzu, ein Stückchen Schau-
ung, das auf den Boden, auf den Erregungsur-
grund hinabweist, vor dem die bunte Phantasie
sonst flüchtet. Ihre flimmernden Tänze sind bei
Schtilein mehr Kult-Akt zur Dämonenabwehr,
nicht bloß oberflächliche Ekstase.

So ist auch die Farbigkeit des Schtilein'sehen
Bildes, wo es zu seiner Vollendung gebracht

ist, mit leichten Grün und Blau, Rosa und Gold-
tönen und mit mehr sonoren und seltneren
Akkorden nie bengalisch oder süß. Sie hat die
humaniore Haltung dieser ganzen Ktinstlerge-
stalt, die eine Oase des Geschmacks und der
Kultur in einer Zeit siegreich behauptet hat,
der diese freundlichen Mächte mehr und mehr
erliegen.............. hermann esswein.

Ä

RELIGIÖSE MALEREI.

Wir nehmen diesen Begriff heute sehr äußer-
lich. Wir sprechen von religiöser Malerei
schon dann, wenn dem Künstler ein Motiv aus
der biblischen Geschichte zum Vorwurf gedient
hat. Von dieser Begriffsbestimmung ausgehend,
sagt man uns, daß wir heute eine ausgebreitete
religiöse Malerei besitzen.

Es ist wahr, daß der Expressionismus mit
seiner geistigeren Einstellung unsere Maler
wieder auf große, bedeutende Gegenstände ge-
bracht hat. Es ist wahr, daß religiöse Frage-
stellungen in jüngster Zeit viel näher als vorher
an sie herangestreift sind. Und es ist schließlich
auch wahr, daß die Maler aus beiden Gründen
heute viel lieber und häufiger als seither zu
Motiven aus der biblischen Geschichte greifen.
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