Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 51.1922-1923

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STÄDTEBILDER.

EIN GESPRÄCH ZWEIER FREUNDE. ERLAUSCHT UND NIEDERGESCHRIEBEN VON ARTHUR ROESSLER.

Der Eine: „Mit deiner Abneigung gegen
das Ungegenständliche in der bildenden
Kunst hängt wohl die auffallende Tatsache zu-
sammen, daß bei dir seit einiger Zeit künstle-
rische Ansichten alter Städte die Bilder anderer
Inhaltlichkeit verdrängen?"

Der Andere: „Ja, du vermutest richtig. Ich
liebe schöne, alte Städte überaus. Stets waren
sie mir liebstes Reiseziel und wenn andere Men-
schen die freie Landschaft, den Wald, das Ge-
birge oder den Meeresstrand aufsuchten, begab
ich mich in eine alte Stadt, es mochte Dinkels-
bühl oder Brügge sein, Hildesheim oder Siena,
Lübeck oder Venedig, Nürnberg oder Toledo,
Rothenburg oder Ragusa, Wasserburg oder
Münster. Solche Örtlichkeiten zu sehen fühlte
ich mich stets stärker getrieben, als im Anblick
des Dachsteins oder Ortlers, der Marmolata
oder Jungfrau, des Strandes von Trouville oder
Heringsdorf zu schwelgen; denn ich las in den
Fassaden alter Bauten, wie in den Antlitzen der
Menschen, von ihren Schicksalen. Eine gütige
Fügung verlieh mir den Blick für die Merkmale
des Lebens in der Architektur; des Lebens,
das sie in Lust und Leid, in Ehre und Schmach,
in Stolz und Demut, in Schönheit und Garstig-
keit, in Glück und Elend, im ganzen berückend
vielfältigen Reichtum der Sinnenhaftigkeit und
Blutwärme durchpulst hatte, Und so sah ich
Städte, von denen man das Gefühl in sich trägt,
daß sie kunstvöll gefügte Behälter für die Liebe

waren oder für den Stolz, wie andere für die
Melancholie, die Demut oder die Frömmigkeit.
Städte lernte ich kennen, deren Seele die Grau-
samkeit ist und Städte mit der Geduld als
Seele; Städte, die durchklungen sind von einer
unhörbaren Musik und andere, die eine wölfisch
wütende Lebensgier durchrast; Städte voll mon-
ströser Prunkbauten in herrisch herber Verein-
samung, unter einem ernst erzenen Himmel
ohne Flecken; Städte aus einem kunterbunten
Gewürfel zusammengekauerter armseliger Häus-
chen in grindig gewordener Armut, gedrängt um
zerbröckelnde Dome unter dunkel wuchtenden
Wolkenmassen; Städte, denen ein kühner und
strenger Geschmack die noch heute dauernde
Gestalt gab; Städte, die eine heitere Geistig-
keit mit sinnlicher Anmut, wie einen Frauen-
leib, in die hainhaft sanfte Landschaft bettete;
Städte, deren Bewohner sich in Angst und
Schauer vor ewig drohenden Gewalten ver-
zehrten; Städte, deren Bewohner sich in unab-
lässiger Arbeit und lastender Trauer erschöpf-
ten ; Städte, deren Insassen in der kurzen Leiden-
schaft der Wollust oder in der langen Leiden-
schaft der Melancholie ihre sehnsüchtigen See-
len erschauern ließen. Ja, Freund, ich bin durch
die scbluchtenschmalen, blauschwarzen und
heißdünstenden Gäßchen und über die weiten,
von glühgüssiger Helligkeit überschwemmten
Plätze italienischer Städte geschritten, wie auch
durch die mittelalterlich verwinkelten, von ver-
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