Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 51.1922-1923

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BÜCHERFREUDE.

Gibt es eine Gattung Gegenstände, in der
jedes Einzelding so sehr Individuum, so
sehr Charakter, so sehr einmalige und vielseitige
Leistung ist wie das Buch? Was muß das für
ein Mensch sein, dem ein schönes und gutes
Buch nicht Freude und Leben bedeutet? Der
niemals liebkosend über einen schönen Leder-
band strich, zugäng-
lich für die Menge von
Sorgfalt und Können,
die dieses tote Ding
veredelt, zugänglich
für die Lustgefühle der
Handfläche, in die sich
der Band, aller Hand-
werkstugend voll, ge-
fällig einschmiegt.bieg-
sam oder starr, aber
richtig und wohlerzo-
gen nach Format, Ge-
wicht und Oberflä-
chenbeschaffenheit?
Gerade von der Freu-
de möchte ich spre-
chen, die des Buches
äußere Erscheinung
bietet, Freude für Auge
und Tastgefühl, Freu-
de aber auch für den
Geist, dem das Buch
rein als Ding gesehen
eine Menge wissens-
werter und fühlens-
werter Sachen erzählt.

PROF. ERNST AUFSEESER—DUSSELDORF. »BUCHEINBAND«

Ist es nicht sonderbar, daß beim Buch die
besten Leistungen am Anfang seiner Entwick-
lung stehen? Nicht so sehr. Denn diese Er-
scheinung gibt es auch anderwärts: die Kraft,
das Blut, die eine Sache zum Entstehen bringen,
treiben sie oft auch sogleich auf den Höhepunkt
ihrer Möglichkeiten. Beim Buch hat das noch

besondere Gründe.
Beim Buch, besonders
beim Satz und Druck,
erweist sich eine ge-
wisse Beschränktheit
der aufzuwendenden
Mittel, eine gewisse
Unentwickeltheit der
technischen Verfahren
nicht als ein Nachteil,
sondern als ein Vor-
teil. Ein Buch hat von
Natur so viel Reden-
des, Menschliches und
allmählich sich Mittei-
lendes an sich, daß
allzuviel Mittel, allzu-
viel Glätte und Schär-
fe, allzuviel routinierte
Herrschaft über die
freundlichen Wider-
stände sein Wesen
mehr stören als för-
dern. Jede Handwer-
kerarbeit strebt frei-
lich darnach, Wider-
stände zu überwinden.
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