Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 51.1922-1923

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HEINRICH NAUEN 1914.

»SCHWEMME-REITER«

LEIB UND SEELE DES KUNSTWERKS.

Wirnenoen die Form den Leib, den eigent-
lichen Inhalt die Seele des Kunst-
werks — und behaupten: wie die Seele des
Menschen das Wesentlichere und Wichtigere,
so auch die Seele des Kunstwerks; ferner: ge-
wiß bilden Leib und Seele letzten Endes eine
Einheit, aber das darf nicht verleiten, obenhin
flüchtig von einem auf das andere zu schließen.

Diese, absichtlich in einen Satz gedrängten,
Aussagen gewinnen erst Wert durch Begründung
und durch ein Zu-Ende-Denken ihrer Inhalte. Es
wird sich ergeben, daß dann sofort neue Fragen
auftauchen, die wir aber beiseite lassen wollen,
und daß Grundprobleme des Kunstwerks, der
Kunstbetrachtung, ja des Seinserlebnisses über-
haupt angeschnitten werden. Wir begnügen
uns mit Einfachstem. Sinn der Aussage, daß
das Kunstwerk Leib und Seele habe, kann nicht
in einer billigen Antithese oder einer Umschrei-
bung liegen. Sie meint Tatsachen, nicht immer

scharf beachtete — sehr zum Schaden der Kunst
und der Kunstbetrachtung. Sie behauptet zu-
nächst dies: Jedes wirkliche Kunstwerk behält
nach Abzug alles Materiellen, nach aller Er-
gründung des Inhaltes, der Technik, der Form,
der Ursachen der Formerscheinungen, kurz nach
restloser Verarbeitung durch Sinne und Ver-
stand einen irrationalen Rest, ein völlig unsicht-
bares, unerklärbares Unbekanntes. Diese Tat-
sache wird heute obenhin allgemein anerkannt;
unbeweisbar muß sie deswegen bleiben, weil
Überverstandesmäßiges eben niemals verstan-
desmäßig erklärbar gemacht werden kann. Die
Redensart vom Erleben des Kunstwerks ver-
traut darauf, in gefühlsmäßigen Bezirken die
Erlebnisgrundlage zu treffen. Zu diesen, hier
nicht zu entscheidenden Fragen sei nur soviel
festgemerkt, daß diese Ansicht eine Unter-
schätzung fatalster Art des wahrlich herrlichen
Instruments des Verstandes bedeutet. Denn

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