Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 51.1922-1923

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VORNEHMHEIT UND SCHÖNHEIT.

Was ist Vornehmheit — gleichgültig ob es
sich um Vornehmheit des Charakters und
der Sitten, der Lebenshaltung, eines Kunst-
werks oder einer Wohnungs-Einrichtung han-
delt? Was ist sie anderes, als eine Eigenschaft,
die auf der inneren Harmonie beruht, der
ruhigen, ausgeglichenen Lebensbewußtheit und
dem Adel der einfachen, erlesenen Form, was
ist sie anderes als die Kunst: so gediegen zu sein,
daß man nicht auffällt, und nur das lebendige Ver-
ständnis es unmittelbar empfindet und fühlt? . .

„Das wahrhaft Schöne," — sagt Schiller,—
„gründet sich auf die strengste Bestimmtheit,
auf die genaueste Absonderung, auf die höchste
innere Notwendigkeit; nur muß diese Bestimmt-
heit sich eher finden lassen als gewaltsam her-
vordrängen. Die höchste Gesetzmäßigkeit
muß da sein, aber sie muß als Natur erschei-
nen. Ein solches Produkt wird dem Verstand
vollkommen Genüge tun, sobald es studiert
wird, aber eben weil es wahrhaft schön ist, so
drängt es seine Gesetzmäßigkeit nicht auf, so

wendet es sich nicht an den Verstand insbeson-
dere, sondern spricht als reine Einheit zu dem
harmonierenden Ganzen des Menschen —, als
Natur zur Natur. Ein gemeiner Beurteiler findet
es vielleicht leer, dürftig, viel zu wenig bestimmt;
gerade dasjenige, worin der Triumph der Dar-
stellung besteht, die vollkommene Auflösung
der Teile in einem reinen Ganzen beleidigt ihn,
weil er n u r zu unterscheiden versteht, und nur
für das Einzelne Sinn hat." Diese wenigen Sätze
des Dichter-Denkers umreißen eindeutig den
Schönheits-Begriff, wie er durch alle Zeiten als
Forderung bestand. Das Unauffällige im Ge-
präge, das taktvolle Zurücktreten des Einzelnen
in das Ganze, das ruhige, selbstbewußte Sich-Ein-
fügen, das Schlichtsein und das Eingeschlichtet-
sein, das würdige Einbezogensein der Teile in den
großen Zusammenhang, die angemessene und da-
beilautlose Gesetzmäßigkeit undGeschlossenheit
im Gehaben, das Bestimmte aber nicht gewaltsam
Betonte im Auf treten, diese echtenTugenden zu-
sammengefaßt, ergeben die Vornehmheit, h g.

xxvi. Dezember 1922. 6
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