Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 51.1922-1923

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RENEE SINTENIS—BERLIN.

KLEIN PLASTIK »BULLE«

ZU VICTOR LURJE'S STUCKARBEITEN.

Stuck — das bedeutete lange Zeit für uns
ein Schimpfwort. Wir horten aus ihm nur
den Unterton „Vortäuschung, Ersatzmaterial,
schöne Lüge" heraus. Mit dem Streben nach
stofflicher Echtheit wollte sich dieses zwischen
Bildsamkeit und Starre, zwischen Ton und Stein
gleichsam schwebende Material nicht vertragen.
Inzwischen haben wir längst eingesehen, daß
unser „kunstethisches" Empfinden in diesem
Fall uns irre geführt hat. Denn Stuck lügt nicht
und täuscht nicht vor. Zum mindesten kann
dieses Material durchaus mit derselben Red-
lichkeit behandelt werden wie alle anderen.
Und selbst wenn dies zuzeiten nicht geschah,
wenn man durch Stuck Marmor oder Holz oder
Stein vortäuschen wollte — hängt denn Wert
oder Unwert einer Formgesinnung wirklich so
eng mit der Materialechtheit zusammen? Man
kann doch wohl auch in echtem Material schwach
und schwindelhaft sein. Zugegeben, daß die
sittliche Aufraffung, nur echtes Material zu
verarbeiten, unserm Kunsthandwerk vor einem
Menschenalter sehr gut bekam. Aber das
Kunsthandwerk des 19. Jahrhunderts wäre
auch dann flau und kopistisch gewesen, wenn
es lauter echte Stoffe verwendet hätte.

Genug, wir haben, nachdem jene sittliche
Auf raff ung ihre Schuldigkeit getan hat, unsern
Irrtum eingesehen. Wir haben jene große Prin-

zipiendreiheit „Konstruktion, Zweckmäßigkeit,
Materialgemäßheit" als das erkannt, was sie
war, nämlich als eine Krücke, einen Behelf,
dessen sich der Erstarkte und Fortgeschrittene
nicht mehr zu bedienen braucht. Damit haben
wir unter anderm wieder Verhältnis gewonnen
zum Material des Stucks, zu seiner Brauchbar-
keit wie zu seiner glänzenden Vergangenheit.

Das Material des Stucks bietet sich in der
Geschichte wie für alle Folgezeit überall da an,
wo der Zeitgeist sich in reicheren, entfalteteren
Formen aussprechen will. Jedermann weiß,
daß er dem üppigen Schmuckbedürfnis des
Barock und Rokoko zu einer glänzenden Ver-
lautbarung verhalf. Wir können nun aller-
dings die künstlerische Gegenwart in Bezug
auf Formenreichtum und Schmuckfreude nicht
entfernt mit den genannten Epochen verglei-
chen. Aber das Ornament dringt doch ständig
vor und erobert sich einen immer größeren
Raum unter den Ausdrucksmitteln des Kunst-
handwerks. Es gelingt heute wieder einigen
Künstlern, gelegentlich in Stuck zu denken;
nicht so ausladend, nicht so schwelgerisch und
rauschend wie das Barock, aber doch voll
echter Schmuckfreude.

Viktor Lurje-Wien, von dem wir eine
Stuckdekoration hier abbilden, hat begriffen,
daß wir vor allem wieder zu einer echten, trag-

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