Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 51.1922-1923

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MAX KRUGER—BERLIN.

mäm

»ELEKTR. WANDLEUCHTER«

METALL-ARBEITEN AUS MESSING.

Man muß solchen Arbeiten gegenüber den
wachen Sinn für die Reize und die Eigen-
arten des Materials haben, etwa so, wie man
ihn als Kind hat. Die Kinder nämlich, und mit
ihnen die Lebenskünstler — denn Lebenskunst
ist es ja in erster Linie, die dem Kind in uns
immer seine Rechte beläßt — sind den Alchi-
misten verwandt, sie sind immer geneigt, zuerst
die Seele und den Charakter der Metalle zu
erklären. Da trägt dann Zink den Ausdruck
der dumpfen und verdämpften Seele, der häß-
lichen stumpfen Griesgrämigkeit, Zinn ist das
Metall des durchdämmerten selbstversunkenen
Trübsinns, Nickel aber hat schon etwas von
Leichtsinn, von heiterer, unbefangener, wenn
auch alltäglicher Freudigkeit. Silber ist die
kühle, frauliche Anmut, es trägt eine schöne
Schwermut zur Schau, hinter der es von Hellig-
keit und Wohllaut festlich schimmert. Gold ist
das Größte, sieghaft und edel prunkend, Sonn-
helle und lauterste Heiterkeit, Flamme und Glut.
Und Kupfer ist der ärmere Bruder des Golds,
weicher und breiter in der Wärme, gedämpfter
und erstickt im Glanz und der Hitze, ruhsamer
und träg. Das Messing ist das Kind einer glück-
lichen Ehe, vom mütterlichen Zink hat es das
Schwere, leicht Trübliche, das gern verdämmert
und in sich selbst zurücksinkt, von seinem Vater

Kupfer hat es die guten Eigenschaften mitbe-
kommen, den männlichen Schmelz, Feuer, Lich-
tes und Frohes. Vom Gold hat es den schönen,
äußeren Schein entliehen, von den Schwestern
der Mutter hat es nichts, was auf eine nähere
Verwandtschaft schließen läßt, es ist das Metall
der Munterkeit, des leicht aufwachenden, harm-
losen, anspruchslosen Frohsinns. Und wegen
seiner vielen „goldigen" Eigenschaften wird es
das Schaugold genannt.

Als Kinder haben wir alle das Geschirr aus
Messing geliebt. Zier und blank, spiegelhell,
wie es auf der Tafel stand, verwies es uns recht
bald an eine der Quellen, an der die heimlichen
Freuden des Lebens gewonnen werden, an die
Beobachtung. Wir lernten die schimmernden
Reflexe der Fenster und des Lichts beobachten,
es bereitete uns einen ungeheuren Spaß, unsere
eigenen und die Gesichter der Tischgesellschaft
aufs Ulkigste verzerrt und gedehnt in den kon-
kaven und konvexen Wölbungen des glatten
Metalls wiederzuerkennen, in jenen fast un-
heimlichen, gewaltsamen Verzeichnungen, hinter
denen die kühnsten Arbeiten moderner Karika-
turisten, die schrecklichsten Götterfratzen der
Südseeinsulaner und die verschrobensten Ver-
formungen zeitgenössischer „expressionischer"
Manieristen durchaus zurückbleiben müssen, -s.

XXVI. Februar 1923. 7
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