Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 51.1922-1923

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OTTO HITZ-
BERGER-
BERLIN.
HOLZPLASTIK.

VOM SEGEN DER BODENSTÄNDIGKEIT.

VON ERNST V. NIEBELSCHÜTZ—MAGDEBURG.

Man hat dem Deutschen der Vorkriegszeit
nicht ohne Grund den Vorwurf gemacht,
daß ihm die Kunst seiner eigenen Heimat ein
Buch mit sieben Siegeln gewesen sei. Das war
ja meist die Kehrseite der beiden von alters-
her mit dem deutschen Wesen eng verbundenen
Eigenschaften: Wanderlust und Wissensdrangl
Alte, in sich selbst gefestigte Nationen von
starker und zur Einseitigkeit neigender Eigen-
art brauchen sie nicht zu fürchten. Uns, denen
das Weltbürgertum im Blute liegt, sind sie im
Laufe der Geschichte schon mehr als einmal
gefährlich geworden — vielleicht weil wir
gründlich vorzugehen pflegen, zu gründlich, um
den Trieb in die Ferne mit der Pflege des eige-
nen Volkstums in jenes richtige polare Verhält-
nis wechselseitiger Befruchtung bringen zu
können. Es kann nicht geleugnet werden, daß
das Leben an der Peripherie uns immer weiter

von dem Zentrum auch unserer geistigen Exi-
stenz entfernt und eine biologische Situation
geschaffen hat, die man in der Botanik mit
dem Wort „wurzelkrank" bezeichnet. Ohne
Frage war die kühne Eroberung fremder Kul-
turen mit einer Minderung des eigenen Besitz-
standes verbunden, bis dann schließlich ein
Zustand der Selbstentfremdung eintrat, der uns
heute die errungenen Schätze doch als ein
etwas zu teuer erkauftes Gut erkennen läßt.
Denn wenn es Deutsche gegeben hat und noch
gibt, die, in der halben Welt heimisch, nicht
einmal ihre eigene Vaterstadt, geschweige denn
ihre Heimatprovinz kennen, so ist das ein Zu-
stand, der nicht als ein natürlicher und gesunder
anzusprechen ist, uns vielmehr deutlich zeigt,
daß wir auf einem falschen Wege waren.

Die Not der Zeit zwingt uns jetzt zur
Umkehr, die wenn irgendwo hier auch Ein-
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