Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 51.1922-1923

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MILLY STEGER. »AUFERSTEHENDER JÜNGLING«

SCHÖN UND HÄSSLICH.

VON KARL HECKEL.

Wann immer die Kunst ihr Gebiet erweitert,
zeigt es sich stets, daß das Publikum zu-
nächst vieles als „häßlich" zurückweist, um es
später als „schön" zu preisen. Das bezeugt
uns jedoch nur, daß diese relativen Begriffe
Wandlungen erfahren. Von weit wesentlicherer
Bedeutung ist die Frage, ob sich mit den Worten
schön und häßlich überhaupt eine Norm von ab-
soluter Gültigkeit festlegen läßt. Goethe hat
über die Ästhetiker gelacht, welche sich ab-
quälen, dasjenige Unaussprechliche, wofür
wir den Ausdruck schön gebrauchen, durch
einige abstrakte Worte in einen Begriff zu brin-
gen. Er selbst anerkannte es voll Ehrfurcht als
Urphänomen, das zwar nie selber zur Erschei-
nung kommt, dessen Abglanz aber in tausend
verschiedenen Äußerungen des schaffenden
Geistes sichtbar wird.

Rodin hat den Ausspruch getan: in der Kunst
ist schön, was Charakter hat, wobei er unter
Charakter die innere Wahrheit eines Natur-
schauspiels verstand, gleichviel ob dieses an
sich nun schön oder häßlich zu nennen sei. Doch
auch damit ist nur gesagt, daß Schönheit oder
Häßlichkeit des Gegenstandes nicht den ästhe-
tischen Wert des Kunstwerkes bestimmen. Da-
gegen trifft ein Ausspruch, der von Leibi erzählt
wird, das Kunstwerk selbst in seiner Ausfüh-
rung. Als man ihm ein Bild als schön rühmte,
erwiderte er: also ist es schlecht, denn man soll
nicht schön sondern — richtig malen.

Jedenfalls beweisen diese Aussprüche, daß
die Begriffe schön und häßlich, wenn sie von
der Kunst ohne jeweilige Interpretation ge-
braucht werden, leicht Mißverständnissen be-
gegnen. Und doch wollen sie nicht verschwin-
den. Wohl läßt sich sagen, ein Bild gelte nur
dann als schön, wenn der Stoff von der Idee
überwältigt werde, aber damit laufen wir leider
Gefahr, die optische Erscheinung einer formie-
renden Idee unterzuordnen, oder, wie Leopold
Ziegler es einmal in einer Philosophie der Ar-
chitektur und der bildenden Künste („Florenti-
nische Introduktion") ausgesprochen hat, „die
in die Stofflichkeit der Materie eingesenkte
Schönheit des Kunstwerks wird aufgeopfert
zugunsten der Schönheit reiner Ideen".

Bliebe noch die Frage, ob wir zu einer Ver-
ständigung gelangen, wenn wir die Bezeich-
nungen schön und häßlich nur als eine vom ge-
nießenden Subjekt vorgenommene Wertung an-
erkennen. Bei Plotin, besonders aber bei Kant,
auch bei Schopenhauer finden sich Anläufe zu
einer solchen Ästhetik der subjektiven Wertung.
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