Zeitung für Einsiedler: newspaper — Heidelberg, 1808

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dem Aster von fünfzig Jahren seyn. Ich"begab mich in
seine Gesellschaft/ und waren wir sechs Tage unterwegs,
bis wir nach Ortais zu dem Grafen kamen. Indem
wir so durchs Land ritten/ wenn der genannte Edelmann
sein Morgengebet vollendet hatte, vergnügte er sich den
größten Theil des' Tages damit, sich allerley Neuigkeiten
ans Frankreich von mir erzählen zu lassen, und antwor-
tete er mir auch sehr ausführlich / wenn ich ihn um die-
ses oder ftnes fragte. Nachdem er mir alles, was
merkwürdiges hie und da vorgefallen/ so wie wir an den
Orten vorbey ritten, erzählt hatte, und auch von dem
Kampf, den Bourg d'Espagne, ein sehr starker Mann
und Waffenbruder des Grafen Gaston gegen die vom
Schloß Lourde gestritten, kamen wir auf die Stelle,
wo in dieser Fehde zwey Anführer der Mangant de
Lourde und Ernaulton Bisecte sich einander erschlagen
hatten, und war allda ein Kreuz von Stein zum Gc-
dächtniß der Schlacht errichtet. Seht, das ist das
Kreuz, sprach Messtrc Espaing du Lion, und somit stie-
gen wir ab, und beteten jeder ein Paternoster und ein
Ave für die Seelen der hier Erschlagenen. Bei meiner
Treue, sprach ich, als wir weiter ritten, ich habe euch
sehr gern reden hören, aber heilige Maria, der Bourg
d'Espaigne ist er ein so starker Mann, wie ihr mir ge-
sagt? Bey meiner Treu sprach er, ja, denn in ganz
GaScognien mag man wohl seines Gleichens nicht ftn-
den an Stärke der Glieder, und darum hält ibn der
Graf von Foix als seinen Gesellen. Und es sind nicht
drey Jahr, daß ich ihn ein schön Stückchen habe treiben
sehen, das ich euch erzählen will. Es traf sich, daß
auf einen Weihnachtstag der Graf von Foix sein großes
und reiches Fest mit Rittern und Herrn hielt, wie er eS
in der Gewohnheit hat, und an diesem Tag war es sehr
kalt. Der Graf halte in seinem Saale gegessen, und
mit ihm eine große Menge von Herrn; nach der Mahl-
zeit verließ er den Saal, und begab sich in eine Galle-
rte, nach welcher man eine breite Treppe von vier und
zwanzig Staffeln steigen muß. In dieser Gallerte ist ein
Kamin, in welchem man gewöhnlich, wenn der Graf
sich da aufhält, Feuer macht, und sonst nicht, und
macht man da kleines Feuer, denn er steht nicht gern
großes Fener. Dort ist es wohl der Ort Holz zu haben,
denn ganz Beam ist voll Wald, und hat er wohl womit
Heizen, wenn er will, aber kleines Feuer ist ihm ge-
bräuchlich. Nun fror es sehr stark, und die Luft war sehr
kalt; als er in die Gallerte gekommen war, sah er das
Feuer, und schien es ihm sehr klein, und sagte er den
Rittern, die da waxen: Seht so kleines Feuer für diese
Kälte. Ernaulton d'Espagne stieg sogleich die Treppe
hinunter, denn durch die Fenster -er Gallerte, welche

auf den Hof sahen, erblickte er da eine Menge Esel mit
Holz beladen, die aus dem Wald für den Hosdienst ka-
men. Er kam in den Hof und nahm den größten dieser
Esel ganz mit Hol; beladen auf seinen Nacken sehr
leicht, und trug ihn die Treppe hinauf und machte sich
Platz durch die Menge der Ritter und Edellcute, die
vor dem Kamin standen, und warf das Holz und den
Esel, die Füße in die Höh, in da§ Kamin auf den
Brand, worüber der Graf von Foix große Freude hatte,
und alle die da waren; und verwunderten sie sich über
die Stärke des Ritters, wie er ganz allein sich so schwer
aufgeladen, und damit so viele Staffeln gestiegen war.
Viele Freude und Ergötzung machten mir die Erzählun-
gen des Messtre Espagne du Lion, und schien mir der
Weg dadurch nur all zu kurz.
So oft ich ihn aber fragte, woher es doch komme, daß
ein so herrlicher Mann als der Graf von Foix keinen
rechtmäßigen Sohn habe, und warum seine Gemahlin
nicht bey ihm lebe, oder um die Art, auf welche sein
einziger Sohn gestorben, suchte der Ritter auszuweichen,
und verschob es stets auf den andern Tag. Als wir uns
nun den letzten Abend der Stadt Morlai näherten,
sprach ich zu ihm: Ihr habet mir viel erzählt, wovon
ich nie etwas gehöret, und weil ich es weiß, so werde
ich es zum ewigen Gedächtniß niederschreiben, so Gott
will, daß ich zu meinem Lande zurückkehre. Aber noch
um eines möchte ich euch gerne fragen, wenn ihr es
nicht vor übel nehmt, nähmlich durch welchen Zufall
der Sohn deS Grafen von Foix gestorben ist. Da ward
der Ritter nachdenklich und sprach: Die Art seines Todes
ist zu traurig und will ich euch nicht davon reden, und
wenn ihr nach Ortais kommt, so werdet ihr wohl je-
mand finden, der es euch erzählt. Ich tröstete mich bis
dahin, und so ritten wir weiter und kamen zum Nacht-
lager in die Stadt Morlaix.
II. Von dem Grafen von Foix.
Den andern Tag kamen wir gm Sonnenuntergang nach Sr-
tais, der Ritter stieg bey seiner Wohnung ab, und ich in dem
Hause zu dem Mond bey einem Stallmeister des Grasen, der sich
Arnauton du Pin nannte, und mich sehr freudig aufnahm darum,
daß ich ein Franzose war. Messtre Espaing du Lion ging auf das
Schloß und sprach dem Grafen von seinen Geschäften, den er in
seiner Gatterie fand, denn zu dieser Stunde ein wenig vorher?
harte er zu Mittag gegessen, und die Gewohnheit des Grafen von
Foir ist oder war damals so, und hatte er es immer also von
Kindheit an gehalten, daß er gen Mittag aufstand und um Mitter-
nacht zu Nacht aß. Der Ritter sagte ihm, daß ich gekommen sen.
Es ward sogleich nach mir geschickt, denn es war oder ist wolck
kein Herr auf der Welt, der lieber Fremde sähe oder Neuigkeiten
hörte als er. Als er mich sah, ließ er mir gar wohl änrichten/^
und behielt mich auf seinem Schloß, wo ich mehr als 12 Wochen

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