Oechelhäuser, Adolf von; Kraus, Franz Xaver [Editor]
Die Kunstdenkmäler des Grossherzogthums Baden (Band 4,2): Die Kunstdenkmäler des Amtsbezirks Tauberbischofsheim (Kreis Mosbach) — Freiburg i.Br., 1898

Page: 87
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kdm4bd2/0104
License: Creative Commons - Attribution - ShareAlike Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
AMT TAUBERBISCHOFSHEIM.

KRAUTHEIM.

87,

genug gethan zu haben, wenn man an Stelle bewegter, zierlicher Knäufe oder Knospen
die etwas plump gerathenen Knollen mit zierlichem Ornament versah (Fig. 19). Diese
Art der Formgebung ist auch am südlichen, ältesten Theile des östlichen Kreuzgang-
flügels zu Bronnbach angewandt, wesshalb wir dessen Entstehung in nahe die gleiche
Zeit mit derjenigen der Krautheimer Kapelle setzen können.

Der Aufbau der Kapelle entwickelt sich folgerichtig aus dem gewählten Grund-
risse und der angenommenen Wölbungsart. In den Wandecken steigen die erwähnten,
nur 0,125 bis 0,13 m dicken Dienste als Säulchen mit breitem Tellerfusse auf niederem
Sockel, mit etwas breiten Mittelringen oder Wirtein und mit hohem Kelch oder
Würfelkapitell empor und tragen eine scharf profilirte, breite Kopfdeckplatte, über
welcher die Gewölberippen, deren Profil
(Fig. 20) in Wurzelbildungen aus-
läuft, ansetzen. Die freistehenden
Säulchen werden durch die genannten,
einbindenden Fuss-, Mittel- und Kopf-
theile festgehalten. An den Tellerfüssen
ist eine grosse Mannigfaltigkeit von Eck-
blattbildungen erzielt, wobei das
Blatt stets symmetrisch gebildet erscheint
und, meist flach gehalten, mehr auf dem
Tellerfusse, welcher weit vor den Sockel
vorspringt, als auf dem Eckzwickel,
welcher auf dem Sockel frei bleibt, auf-
liegt. Eine verwandte Säulchenbildung
besitzen die Kapellenfenster in ihrer Um-
rahmung. Nur beim Eingangsportale
fehlt sowohl das Fusseckblatt, wie der
Mittelring der Säule. — Besonders reiz-
voll wirkt die Kapelle durch den originellen Emporeneinbau. Ueber eine Seiten-
empore, welche eine Verbindung mit dem Palas herstellt und durch schmale Schlitz-
fenster nach dem Burghofe beleuchtet wird, gelangt man zur Hauptempore, deren
Fussboden etwa 4 m über dem Schiffboden liegt und welche, nahe 3 m in das Schiff
vorspringend, einschliesslich der vorgebauten Altane und der Fensternischen gegen
20 qm Flächengehalt bietet, also genügend Platz für eine stattliche Gesellschaft von
Andächtigen. Ausserdem war in der südlichen Fensternische und in Wandnischen für
Sitzplätze gesorgt. Diese Hauptempore wird gestützt durch zwei quadratische flache, auf
Wandschildbögen gesetzte Kreuzgewölbe, deren dickwulstige, flachbogige Sippen mit
Schlussstein-Blatt verziert, sich ebenso wie die Frontbögen der Empore auf Wandsäulchen
aufsetzen. Die Frontbögen sind etwas gedrückt gehalten, keine vollen Halbkreise; ver-
muthlich, damit die Empore nicht zu hoch wurde. Die Wandsäulen besitzen Tellerfuss
mit Eckblatt und Kapitell mit Deckplatte wie die Gewölbedienste des Schiffes und Chores,
jedoch, weil kürzer und gedrungener als diese, keine Mittelringe. Der reich profilirte, von
einer menschlichen Figur getragene Erker oder Söller der Empore (Fig. 21 und 22)
ruht auf einer nach oben verjüngten, in der Mitte 0,20 cm starken Säule mit breitem
Fuss und hohem, weinlaubgeschmücktem Kelchkapitell. Die weit ausladende Masse des

Fig. 20. Krautkeim. Rippenprofile aus der Burgkapelle.
loading ...