Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 17.1902

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ein künstlerischer. Wirtschaftlich, als der
Absatz nach dem Auslande fast plötzlich auf-
hörte, als Amerika und England nicht mehr
auf dem hiesigen Kunstmarkte erschienen,
und als dafür ein würdeloser Binnenhandel
mit kleiner Münze einsetzte. Kleine, betrieb-
same Bilderfabriken vertrieben geschäftig ihre
fleissigen Elaborate in den Nachbarprovinzen,
allzubequem dem banalen Geschmack des
Philisterpublikums schmeichelnd — der
schlechte Ruf der Düsseldorfer ist ihnen in
erster Linie zuzuschreiben. Man darf sich
dann nicht verhehlen, dass das Ansehen der
Düsseldorfer Kunst in der öffentlichen Mei-
nung schlechter und schlechter geworden ist.
Die Malerei galt vielen als zurückgeblieben
und als Epigonenkunst. Die ganze Kunst
hier schien in eine Sackgasse geraten zu
sein, aus der kein Ausweg mehr möglich


ludwig keller bildnis peter
Düsseldorfer Ausstellung janssens «««

war. Diese Rückständigkeit war einmal vor-
handen und ist es auf einzelnen Gebieten
noch — und es wäre verhängnisvoll, sich
dieser Erkenntnis verschliessen zu wollen.
Aber die gesunden Kräfte, die in dieser Kunst
ruhen, kennt man wohl gar nicht hinreichend.
Düsseldorf ist immer die grosse Elementar-
schule der norddeutschen Kunst geblieben,
auch in den siebziger und achtziger Jahren,
und eine ganze stattliche Schar unserer besten
ist hier in der künstlerischen Lehre gewesen.
Und dazu hat seit einem Jahrzehnt in Düssel-
dorf ein so frischer Wind eingesetzt, der Staub
und Motten gleichzeitig aufgewirbelt hat, neues
Blut ist von allen Seiten zugeströmt, die alte
faule Düsseldorferei ist längst tot. Es geht nicht
mehr an, heute gedankenlos nachzuschreiben,
was vor zehn Jahren wohl nicht ohne Recht
Richard Muther über diese Kunst sagte.
Sechs grosse Räume sind den Düsseldorfern
zugewiesen, dazu zwei weitere Säle für die
Bildhauer und für die Architekten. Dass die
Aufmachung durchweg eine glückliche sei,
wird niemand zu behaupten wagen. Einen
grossen originellen Zug hat nur der Saal der
Gruppe von 1902, dessen Dekoration Albert
Männchen geschickt komponiert hat, mit
einer klassizistischen Architektur, die doch
wieder ganz modern ist. Missglückt in dem
Masstab der Dekorationen wie im Ton ist
leider der grosse Saal der freien Vereinigung,
dereinen vornehmen Renaissanceraum schaffen
wollte, aber über die Wirkung eines Warte-
saales I. und 2. Klasse nicht hinausgekommen
ist. Störend wirkt auch hier wieder die
grosse Höhe der Säle.
Und in diesen sechs Sälen hängt, wie man
immer wieder feststellen muss, zu viel. Nicht
als ob das Niveau ein zu geringes wäre. Aber
es ist zu viel von jener Kunstgattung da, die
ich rechtschaffene Kunst nennen möchte,
gegen die nichts einzuwenden ist, die aber
gänzlich bedeutungslos ist, die in nichts, aber
auch in gar nichts die Charakterzüge der
Düsseldorfer Kunst schärfer herausarbeiten
hilft. Wie viel glänzender stünde die freie
Vereinigung da, wenn nur zwei Drittel der
hier sich drängenden Bilder Aufnahme ge-
funden hätte. Und wie glücklich Hessen sich
diese sechs Räume arrangieren, wenn man die
Bilderbestände durcheinander werfen könnte.
Aber diese Mängel der äusseren Einrahmung
und der Auswahl treten wieder ganz zurück,
wenn man das Gesamtniveau ins Auge fasst.
Denn das eine offenbart diese Ausstellung
allen Besuchern gleichmässig: diese gewaltige
Summe von solidem Können, diesen Fonds
von Zeichnenkönnen und Malenkönnen, der

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