Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 18.1902-1903

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24. JAHR ES AUSSTELLUNG DER AMERICAN ARTISTS

Von P. Hann

F~\ie angenehme Erwartung, mit welcher man den Kinderbild, Sergeant Kendall eine nur allzu grell-
Ausstellungen der jüngeren New Yorker Kunst- farbige Gruppe, aus einer jungen Gesellschaftsdame
lervereinigung stets entgegensieht, wurde diesmal und ihren zwei Knaben bestehend, darstellen. Ein
nicht getäuscht. Die jetzige 24. überragt ihre Vorgänge- tüchtiges, ohne besonderen Aufwand von Bravour
rinnen um ein bedeutendes und
macht einen sehr befriedigenden,
stellenweise sogar glänzenden Ein-
druck. Sehr viel tragen wohl hierzu
die lange ferngebliebenen auslän-
dischen« Amerikaner bei, die sich
diesmal wieder am heimischen
Herde eingefunden haben. Sar-
gent ist mit einem sehr schmei-
chelhaften Porträt des New Yorker
Millionärs Winthrop vertreten, das
wieder seine fast unheimliche Ein-
sicht in das Wesen des modernen
Gesellschaftsmenschen und sein
minutiöses Eingehen auf jedes De-
tail, hier die sich farbig im Zylinder-
hut spiegelnden Finger, aufweist.
Unfern hängt Whistler's brillante
>Andalusierin«, die schon in einer
Sonderausstellung berechtigtes Auf-
sehen erregte. Von diesem Hexen-
meister ist noch ein Nachtstück vor-
handen: 3 Feuerwerk in der Nähe
des Londoner Krystall-Palastes«,
das dem Beschauer mit seiner
virtuosen Behandlung aus tiefster
Dunkelheit leuchtender Knalleffekte
den Atem nimmt. Vom tüchtigsten
der einheimischen Porträtmaler,
William M. Chase, ist dicht
neben diese zwei Gäste das
Bildnis des Deutschamerikaners
Windmüller gehängt, eine Arbeit,
die sich vollkommen ebenbürtig
neben Sargent und Whistler hält.
Chase versteht es, den Charakter,
die Persönlichkeit greifbar deutlich
herauszubringen; fein behandelte
Hände, die schwarze Kleidung, der
dunkelrote Samtsessel, der noch
dunklere Hintergrund', alles ist
solide und gediegen, aber es ordnet
sich der Hauptsache, dem Erfassen
des Charakters unter. Fromkes, franz von lenbach max von pettenkofer

ein junger Maler, dem gewiß eine
erfolgreiche Zukunft bevorsteht,

stellt ein Frauenbildnis in kühlen grauen Farbentönen, oder Genialität gemaltes Bild ist das'Herrenbildnis
Cecilia Beaux, die hervorragendste amerikanische von Carroll Beckwith.

Porträtmalerin, und unstreitig eine der hervorragend- Der Clou der Ausstellung im Porträtfach ist aber

sten lebenden Malerinnen überhaupt, bringt zwei in einem der kleinen Nebenzimmer zu sehen, wo
Kniestücke von Gesellschaftsdamen, die in ihrer für gewöhnlich nur die mittelmäßigen oder die
pastosen, an gute Bonnats erinnernden Manier außer- Gemälde unprotegierter Künstler ihre Tage un-
ordentlich wirksam sind. Ein Porträt, an welchem beachtet verbringen. Aber dem Mädchenporträt
niemand vorübergehen wird, ist der für die Washing- von Robert Henri wohnt eine solche Leuchtkraft
toner katholische Universität bestimmte Kardinal inne, daß es aus seinem Schattenwinkel dem
Martineiii von Thomas Eakins aus Philadelphia. Beschauer wie eine Märchenprinzessin entgegen-
Es ist von einer geradezu brutalen Ehrlichkeit; derb, lacht. Mit diesem Neuling wird die amerikanische
mit groben Pinselstrichen gemalt, aber packend und Kunst Ehre einlegen. Seit langem hat man hier
wahrhaft. Ihm entgegengesetzt ist die feine Salon- nicht solch ein einfaches, lebendiges und holdseliges
manier, in welcher Jrving Wiles seine schöne Frau, Bild gesehen. Das ist ein Kind der neuen Gene-
porter das aus Blumen förmlich herauswachsende ration mit ihrem kräftigenden Turnen, Schwimmen,

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