Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 18.1902-1903

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S. L. WENBAN LANDSCHAFT
Aus der Jahresmappe 1897 des Münchener Radiervereins

LOUIS TUAILLONS DENKMAL DES

KAISERS FRIEDRICH FÜR BREMEN

Als die Bremer am 11. September beim
Frühstück ihre Zeitung entfalteten,
wurden sie durch die frohe Nachricht über-
rascht, daß einer der verdientesten ihrer
Mitbürger, Herr Franz Schütte, ihnen ein
bronzenes Reiterdenkmal des Kaisers Friedrich
zu schenken gedächte. Herr Schütte hatte
für die Verschönerung seiner Vaterstadt be-
reits Außerordentliches getan. Kaum ist ein
halbes Jahr verstrichen, seitdem sein letztes
Geschenk, die prächtige Gruppe des Rosse-
lenkers von Louis Tuaillon in den schönen
bremischen Wallanlagen eine würdige Aufstel-
lung gefunden hatte. Und derselbe Tuaillon,
der besten einer, der als der Stolz seines
Vaterlandes leider noch ferne von uns lebt,
war berufen, das neue Denkmal zu model-
lieren.*) Man hätte erwarten dürfen, daß die
Aeußerungen des Dankes und der Anerken-
nung im bremischen Publikum einstimmig
gewesen wären. Allein die Leute, die nie
zufrieden sind, stellten sich auch diesmal mit
ihren Bedenken ein. Von den kritischen
Glossen, die in die Redaktionen der Tages-
blätter schneiten, wurde eine und die andere
abgedruckt, unter denen zwei als der Er-

*J Die Skizze desselben ist gelegentlich deren Vorführung auf
der heurigen Ausstellung der Berliner Secession a. S.442 des vori-
gen Jahrgangs der „K. f. A." abgebildet worden. Auch findet sich in
dem gleichen Heft (S. 446) eine Wiedergabe des ebenfalls in Berlin
ausgestellt gewesenen Gipsmodells von L. Tuaillons „Rosselenker-.

örterung wert erscheinen. Man meinte, es
wäre passender, wenn ein Kaiserdenkmal von
der gesamten Bevölkerung und nicht von
einem einzelnen gestiftet würde. Nun —
wenn die gesamte Bevölkerung einem ver-
ehrten und geliebten Fürsten ein Denkmal
zu setzen wünscht, so kann sie doch ver-
nünftigerweise nicht dem freigebigen Manne
grollen, der ihren Wunsch erfüllt — voraus-
gesetzt, daß er sich an den rechten Künstler
wendet. Hier hat man doch wieder das
schöne persönliche Verhältnis eines freien
unverantwortlichen Auftraggebers zu einem
bedeutenden Künstler, ein Verhältnis, dem
wir bekanntlich die größten monumentalen
Kunstwerke aller Zeiten zu verdanken haben.
Und da will man sich das Elend der offi-
ziellen Komiteewirtschaft wünschen mit all
seinen Verschleppungen, unnützen Kosten,
unnützen Reden und den unberechenbaren
Ergebnissen eines Preisausschreibens? —

Ernsthafter ist ein anderer Einwand gegen
das neue Denkmal zu nehmen, der sich gegen
dessen formale Gestaltung wendet. Man
hatte vernommen, daß Tuaillon den Kaiser
in ein Idealgewand zu hüllen gedachte. Das
will dem Publikum durchaus nicht einleuchten.
„Es ist einfach absurd", hieß es in den
,Bremer Nachrichten', „Kaiser Friedrich, der
Mitschöpfer des deutschen Reiches, in antiker

Die Kunst für Alle XVIII

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