Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 18.1902-1903

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DIE KUNST IM HEUTIGEN SPANIEN

Die großen Erwartungen, die man vor einem Die Hauptursachen der betrübenden Er-
Jahrzehnt von dem Kunstscharfen der scheinungen des Kunstlebens im heutigen
Spanier zu hegen berechtigt war, sind leider Spanien sind andere. Es sind: der gänzliche
nur zum kleinsten Teil erfüllt worden. Wie Mangel an Interesse und zum Teil an Ver-
auf literarischem Gebiete war auch auf dem ständnis für die Kunst in den Kreisen der
künstlerischen der außerordentliche Auf- Begüterten wie des gebildeten Publikums;
schwung ein vorübergehender. Nur vereinzelt die Schäden, die dem Kunstschulwesen an-
erscheinen seit einer Reihe von Jahren Geistes- haften; die durch die Kämpfe der modernen
werke, die sich über ein niedriges Mittelmaß Kunstschulen erzeugte ästhetische Unsicher-
erheben, und diese wenigen sind nicht von heit und der daraus hervorgegangene Mangel
jüngeren Schriftstellern verfaßt, sondern fast an festen Grundsätzen für das Kunstschaffen;
durchweg von solchen, die schon zu Anfang das Temperament und die Charaktereigentüm-
der achtziger Jahre eine führende Rolle spiel- lichkeiten des Südländers, der bei höchster
ten. Dieselbe Erscheinung zeigt sich auf dem Befähigung für die Künste doch der Energie
Felde künstlerischen Schaffens. Aus den zu gründlichem Studium, der Neigung zu
großen Scharen der jüngeren und jüngsten sorgfältiger Arbeit entbehrt; und endlich der
Kunstbeflissenen sind nur sehr wenige mit enge Horizont der spanischen Künstler, die
wirklich nennenswerten und hervorragenden meist wenig bemittelt sind, daher nicht
Werken hervorgetreten, die Träger des Kunst- reisen, nicht die Kunstleistungen anderer
lebens sind heute noch beinahe dieselben wie Völker studieren können, infolgedessen leicht
vor fünf und zehn Jahren, und die Lücken, der Selbstüberschätzung anheimfallen und
die der Tod in dieser Zeit in den Reihen der auf ihre einfachsten Skizzen und Studien
älteren Künstler gerissen hat, sind kaum aus- das nur den wirklich großartigen Schöpf-
gefüllt, obgleich die Zahl der Studierenden ungen einiger weniger spanischer Künstler
an den Kunstschulen und Kunstakade-
mien im allgemeinen noch gestiegen ist.

Woher dieser Stillstand in der Kunst-
bewegung des heutigen Spanien?

Die Ursachen für ihn ausschließlich
und unmittelbar in den politischen Ver-
hältnissen zu suchen, die das unglück-
liche Land in seine heutige traurige
Lage versetzt haben, wäre unrichtig,
wenngleich nicht geleugnet werden kann,
daß die Politik das öffentliche Interesse
wie das des einzelnen in den letzten
Jahren in hohem Grade in Anspruch
genommen hat. Dasselbe war jedoch
mindestens in gleichem Maße in der
Zeit der Fall, als sich auf allen Gebieten
geistiger und materieller Arbeit jener
riesige und glänzende Aufschwung zeigte,
der zu den besten Hoffnungen für die
Zukunft Spaniens berechtigte.

Auch die trostlosen wirtschaftlichen
Verhältnisse Spaniens und die Armut
seiner Bevölkerung sind nicht für den
Stillstand im Kunstleben und für die
Minderwertigkeit der Kunstleistungen
der letzten Jahre verantwortlich zu
machen, denn die Zahl der Reichen,
die die Künste nachdrücklich unter-
stützen könnten, ist auch heute nicht
gering. jose millas auf besuch

Die Kunst für Alle XVIII. 6. 15. Dezember 190^.

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