Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 18.1902-1903

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zu Berlin

Anekdote und Satire. Daß sie sich nicht ein-
bildet, sie habe ihre Pflicht getan, wenn sie
irgend einem dieser Ideale inhaltlich ihr Opfer
dargebracht habe und sie brauche sich um
Naturwahrheit und Menschenkenntnis, um
überzeugende Kraft der Darstellung nicht zu
kümmern.

Und ist es denn wirklich etwas so Kleines,
wenn ein Künstler ohne jede andere Absicht
dieser Art, mit einem Kunstwerk von ganz
einfachem und anspruchslosem Inhalt, den
Eindruck der Natur so zu erzeugen sucht, daß
sein Werk alle oder nahezu alle die Gefühle in
uns weckt, die die Natur, das Leben selbst
in unserer Seele erzeugt? Ist es nicht ein
Großes, ein Herrliches, den Schöpfungsakt
der Natur im Kleinen, mit mangelhaften
Mitteln und einem widerstrebenden Stoff',
zu wiederholen? Ich meine, ein Künstler,
der dazu fähig wäre, der den schöpferischen
Funken in sich fühlte und der die technischen
Mittel beherrschte, um die Natur überzeugend
darzustellen und der Menschheit damit einen
Ersatz für das Leben und eine Ergänzung der
Wirklichkeit zu bieten, der könnte wahrhaftig
mit seinem Los zufrieden sein, der müßte
das stolze Gefühl haben, mit seinem Scheitel
an die Wolken zu rühren.

DIE NEUERWERBUNGEN
DER BERLINER NATIONALGALERIE

■pye deutsche Kunst hat, wie die vorjährigen Aus-
Stellungen in der Mehrzahl beweisen, ein ziem-
lich unfruchtbares Jahr hinter sich. Wenn es Herrn
v. Tschudi trotzdem gelungen ist, die Sammlungen
der National-Galerie um einige ganz erlesene Stücke
zu bereichern, so hat außer dem glücklichen Zufall
auch die Einsicht der Landeskunst-Kommission ein
Anteil daran, indem diese nicht gerade darauf be-
stand, daß die meisten Ankäufe des Staates in den
Ausstellungen gemacht würden. Wenigstens ist dort
nicht mehr gekauft worden, als unbedingt nötig er-
schien. Zunächst ist von erfreulichen Komp'ettie-
rungen der wichtigsten Teile der Sammlung zu be-
richten. Das merkwürdigste darunter ist ein Menzel
aus dem Jahre 1845, ein Interieur im Stil der Zeit.
Ein großer Mahagoni-Trumeau, rechts und links von
zwei Konsolen mit Blumentöpfen flankiert, zwischen
einer Balkontür und einem nicht sichtbaren Fenster.
Die rechts im Bilde befindliche Balkontür ist offen
und eine davor hängende weiße, einfach gemusterte
Tüllgardine weht ins Zimmer hinein. Ein weiches
Licht gleitet mit der Luft in den stillen Raum, huscht
über die graugrüne Wand, an der ein geblümtes Sofa
steht, läßt das braune Mahagoniholz des Trumeaus
sanft aufleuchten und sammelt sich in einem Reflex
auf dem lichtbraunen Fußboden. Im Spiegel sieht
man dann noch die gegenüberliegende Wand des
Zimmers mit einem goldgerahmten Kupferstich und
einem Polstermöbel. Whistler und Hammershoj
haben dergleichen nicht besser gemacht. Menzel
war nie moderner, als da er dieses Bild malte. —
Aus der Sammlung Conrad Fiedler, der das Berliner

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