Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 18.1902-1903

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JEAN DELVILLE del.

DAS GEISTREICHE IM KUNSTWERK

Von Ludwig Volkmann

Daß jemand ein „geistreicher Künstler" sei,
ist ein in Büchern und Zeitschriften, in
Kritiken und Kunstgesprächen so allgemein
gebräuchliches lobendes Beiwort, daß man
zunächst vielleicht kaum die Notwendigkeit
einzusehen vermag, sich über dessen Bedeu-
tung noch besondere Rechenschaft zu geben.
Und doch ist es wohl gerade bei einer lange
im Umlauf befindlichen, abgegriffenen Münze
nicht unnütz, sie einmal daraufhin zu prüfen,
ob sie wirklich noch vollwertig ist, ob sie tat-
sächlich noch das gilt, was sie darstellt. Und
mir will scheinen, als ob gerade das Wört-
chen „geistreich" im großen und ganzen,
was künstlerische Dinge betrifft, seine scharfe
Prägung einigermaßen verloren hätte, und
recht oft statt eines Wertes nur einen
Scheinwert bedeutete. Zweifellos wird aber
jeder, der ein wirkliches eigenes Verhältnis
zur bildenden Kunst als einer der tiefsten
Aeußerungen des Menschengeistes gewinnen
will, auch über diesen Begriff des Geistreichen

im Kunstwerk einmal mit sich zu Rate gehen
müssen; denn seine ganzen Schlußfolgerungen
und Urteile werden irrig und schief sein, wenn
eine der ersten Voraussetzungen nicht Stich
hält. Eine klare Auseinandersetzung mit der
Frage, worin denn gerade an einem Kunst-
werk das eigentlich Geistreiche besteht, und
der fast noch wichtigeren Frage, worin es
nicht besteht, wird daher für niemand zu
umgehen sein, der es mit der Kunst ernst
meint.

Gehen wir, um der Sache näher zu treten,
zunächst einmal vergleichsweise von einem
anderen Geistesgebiete, von der Wissenschaft,
aus, und fragen wir: wann werden wir einen
Gelehrten, z. B. einen Physiker, geistreich
nennen; etwa dann, wenn er seinen Vortrag
mit blendenden Pointen zu würzen versteht
und beim Diner gut zu unterhalten weiß, oder
nicht vielmehr dann, wenn er sein eigenstes
Arbeitsgebiet geistig durchdrungen hat, wenn
er die Naturkräfte und ihre Gesetze mit klarem

Die Kunst für Alle XVIII. 7. 1. Januar 1903.

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