Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 18.1902-1903

Page: 107
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ANSELM UND HENRIETTE FEUERBACH
UND IHRE BEZIEHUNGEN ZUM GRAFEN SCHACK

Feuerbach hat in seinem Freunde Allgeyer
einen Biographen gefunden, der mehr
für ihn als über ihn schrieb. In seiner
ritterlichen Einseitigkeit macht er alle ver-
meintlichen oder wirklichen Gegner seines
Schützlings zu seinen eigenen. Das Verhält-
nis Feuerbachs zu Schack hat er ausführlich,
aber parteiisch behandelt; ohne zwingenden
Grund schiebt er mancher Handlungsweise
des Grafen unedle Motive unter, findet ein-
fache Gedächtnisfehler desselben „höchst auf-
fallend, schwer begreiflich" und zieht end-
lich den Schluß, daß Feuerbach durch Schack
künstlerisch geschädigt und gehemmt, finanziell
nicht gefördert worden sei.

Das sind Auswüchse des in den meisten
Teilen schönen und von großer Beherr-
schung des Stoffes zeugenden Werkes, welches
im Todesjahr des Grafen erschien (1894).
Dieser hat es — ich muß sagen glücklicher-
weise — nicht zu Gesicht bekommen. Es ist
nichts mehr als meine Pflicht, seinen Stand-
punkt im folgenden zu vertreten und zwar
mit Hilfe von Dokumenten, welche Allgeyer
nicht zugänglich waren: Den Briefen Feuer-
bachs und besonders denjenigen seiner Stief-
mutter Henriette Feuerbach an Schack, welche
von Wichtigkeit für die Kunstforschung sind.

Denn der Name dieser Frau ist unzertrenn-
lich mit demjenigen ihres großen Sohnes
verbunden. „Obgleich nur Stiefmutter des
Verblichenen", schreibt Schack in „Meine
Gemäldesammlung", „ist sie ihm gewesen,
was selten eine Mutter ihrem Sohn, hat wäh-
rend seines ganzen Lebens mit aufopfernder
Liebe und unter Entbehrungen aller Art ihm
seine dornige Laufbahn geebnet, und ihr allein
wird es verdankt, daß seine Kraft nicht
schon früher unter dem Drucke der un-

günstigen Verhältnisse erlegen ist. In noch
höherem Sinn, als es der treffliche Künstler
selbst war, verdient sie eine Zierde der Nation
zu heißen, denn vor der hohen Tugend,
welche diese Frau gezeigt hat, erhebt sich
selbst der Genius von seinem Thron, um ihr
den ersten Platz einzuräumen."

Dieses hohe Lob lehnt Henriette bescheiden
ab; sie habe nur als Mutter gehandelt, meint
sie. Der Raum gestattet nicht, sie durch den
Abdruck ihrer eigenen Briefe zu widerlegen,

ALBERT v. KELLER ALTDEUTSCHE FRAU

Aus der Sommer-Ausstellung der Münchener Secession

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