Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 18.1902-1903

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HUGO FR HR. VON HAB ER.MANN SALOME

DIE HYGROSKOPISCHE EIGENSCHAFT DER MALLEINWAND
UND DAS „BILDERSCHUTZMITTEL VOSS"

A lle organischen Stoffe sind hygroskopisch, d. h.
*"* sie ziehen aus der Luft und aus ihrer Umgebung
Feuchtigkeit an. In dem Maße der Feuchtigkeits-
aufnahme verändert sich ihr Volumen. Vom Holz
weiß man, daß es sich im feuchten Zustande aus-
dehnt und im trockenen zusammenzieht; Papier ver-
hält sich ebenso. Bei vielen Stoffen entzieht sich
die Volumenveränderung der Beobachtung, andere
wieder reagieren so fein, daß man sie für Feuchtig-
keitsmesser verwendet, wie die Samenhülle des
Storchschnabels, die Darmsaite, welche die Figuren
der bekannten Wetterhäuschen heraustreten läßt,
oder der abgeschnittene geschälte Zweig des Wach-
holderstrauchs, der an der Wand befestigt mit seiner
Spitze eine große Skala für den Feuchtigkeitsgehalt
der Luft beschreibt. Die Eigenschaft der Leinen-
faser, sich bei Feuchtigkeitsaufnahme umgekehrt
wie Holz oder Papier zu verhalten, nämlich sich
zusammenzuziehen, kennt man aus der Anekdote
von der Aufstellung der Nadel der Kleopatra. Die
Architekten hatten sich bei Herstellung der Winde
verrechnet und der Obelisk blieb schräge, ohne daß
es möglich gewesen wäre, ihn senkrecht zu heben,
da rief eine Stimme aus der Menge: >Wasser,
Wasser«; als nun die Taue besprengt wurden, zogen
sie sich so stark zusammen, daß der Obelisk da-
durch senkrecht gestellt wurde. Das Zusammen-
ziehen der Leinwand wird augenfällig bei Bildern
an der Wand, die im Sommer bei feuchter Tem-
peratur eine straff gespannte Fläche zeigen und im
Winter, wenn die Stubenluft durch Einheizen trocken
geworden ist, eine faltige. Schon dieser Wechsel
beweist, daß die Ausdehnungsveränderung der Lein-
wand keineswegs geringfügig ist, sie ist in der Tat
größer, als man anzunehmen geneigt ist; ein belie-

biges Stück Malleinwand von 1 qm Größe hinten
naß gemacht, springt um 2 cm zusammen, also so
gewaltsam, daß sich die ungünstigen Beeinflussungen
der Farbschicht der Bilder dadurch leicht erklären
lassen. Die bekanntesten sind die netzartigen weißen
Risse, die sich über ein Bild ziehen, ferner die
Brüche und Sprünge der Farbe. Bei wertvollen
Bildern von Menzel, Knaus, Defregger hört man
fortwährend über die weißen Risse klagen, es macht
den Eindruck, als ob sich die Farbe zusammenge-
zogen hätte, so daß an vielen Stellen die weiße
Leinwand hervortritt.

Es liegt aber nicht an der Farbe, sondern an der
Leinwand; so lange die Farbe eine gewisse Ge-
schmeidigkeit besitzt, wird sie durch das Zusammen-
ziehen der Leinwand bei Feuchtigkeitsaufnahme zu-
sammengeschoben, zusammengepreßt und wieder
auseinandergerissen, sobald sich die Leinwand bei
Trockenheit ausdehnt. Dieser Prozeß wiederholt
sich fortwährend, und je länger er dauert, um so
breiter werden die Risse. Die Farbe geht sehr all-
mählich aus dem weichen geschmeidigen Zustand
in den harten über, den man in der Kunstsprache
>emailliert< bezeichnet. Solche hart gewordene
Farbe zerbricht aber beim Zusammenziehen der
Leinwand, und daher findet man fast alle alten
Bilder mit Sprüngen oder Brüchen, die facetten-
artig das ganze Bild bedecken. Ein harter Malgrund
wie der im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert
viel gebrauchte Bolusgrund zerbricht ohnehin sehr
leicht; die Bildfläche solcher Bilder gleicht oft
einem Reibeisen.

Auf die schädliche hygroskopische Eigenschaft
der Malleinwand hat schon vor dreißig Jahren
Pettenkofer hingewiesen; es heißt in seinem Buch

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