Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 18.1902-1903

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^3?> VON AUSSTELLUNGEN UND SAMMLUNGEN

AUS DEN BERLINER

KUNSTSALONS

r\ie Ausstellung, mit der Paul Cassirer seine winter-
liehen Vorführungen beginnt, steht unter dem
Zeichen von Josef Israels und Wilhelm Trübner.
Man sollte nicht glauben, daß ein achtundsiebzig-
jähriger Maler noch ein so hervorragendes Bild pro-
duzieren könnte, wie es Israels in dem in diesem
Jahre entstandenen >Thoraschreiber< getan hat. Alles,
was man an dem holländischen Künstler je bewundert:
seine ihn als Nachkommen von Rembrandt kenn-
zeichnende lustige, schimmernde Malerei, seine mit-
leidig-gemütvolle Art, Menschen aufzufassen und in
ihrem Milieu darzustellen, ist in diesem Bilde. Ja,
er hat vielleicht nie eine so reinliche Farbe gezeigt.
Das Motiv ist ganz Rembrandtisch. Ein alter ge-
brechlicher Jude, für den die Welt versunken ist,
wenn er in seinem stillen Gemach vor der langen
Pergamentrolle sitzt und mit dem Gänsekiel die
Worte des Gesetzes in krausen hebräischen Lettern
sorgsam hinzeichnet. Ueber seinen Schädel, die
zitternde Hand und das glänzende Pergament fließt
leise von dem mit einer weißen Scheibengardine
versehenen Fenster dasTageslicht. Die müden Augen,
das von tausend Falten und Runzeln durchzogene
Gesicht, das ärmliche Zimmer, die Krücken an der
Wand erzählen ein Menschenschicksal. Alles lebt
auf diesem Bilde. Man meint die Augen zwinkern,
die Hand sich fortbewegen, die Zeit schwinden zu
sehen. Es ist — was könnte man Schöneres von
einem Werke der Kunst sagen! — erlebt. Auch
das Porträt einer brünetten Dame im Profil und
ein Bildnis des Berliner Kapellmeisters Rebicek be-
weisen, daß das Alter auf die künstlerischen Fähig-
keiten von Israels ohne Einfluß geblieben ist. Trüb-
ner fesselt in besonderem Maße durch seine Land-
schaften. Seine prachtvolle ältere >Landschaft mit
der Fahnenstange! von der Fraueninsel bietet als
Vergleichsobjekt Gelegenheit, zu konstatieren, daß
er als Beobachter und Schilderer der Natur immer
noch wächst. Er ist sicher der feinste, stärkste und
deutscheste unter den deutschen Landschaftern. Da
es für ihn absolut keine Schwierigkeit mehr gibt,
die Motiv, Farbe, Stimmung bereiten könnten, holt
er das Wesen einer bestimmten Natur mit fabel-
hafter Sicherheit und mit dem feinsten Gefühl heraus.
Naturwiedergaben, wie er sie hier in dem »Schloß
Lichtenberg', das er einmal auf einem Hügel im
hellen Sonnenschein liegend, das andere Mal über
Parkwipfel emporragend in geschlossener Nach-
mittagsbeleuchtung sehen läßt, die verschiedenen
Bilder vom Kloster Amorbach sind in ihrer Art
ganz einzig. Daneben finden sich ein paar von
Trübner's köstlichen alten Hundeporträts, das Bild-
nis einer Dame mit rotem Haar, ebenfalls der älteren
Periode angehörend, sowie einer von den drei >Christus
im Grabe« und zeigen den Umfang dieser außerordent-
lichen Begabung. Man sieht ferner bei Cassirer das
eminente Freilichtporträt einer Dame von Toulouse-
Lautrec, Claude Monets prächtigen »Hafen von
Honfleur< mit den auf der Leuchtturm-Mole im Sturm
promenierenden Badegästen und Arbeiten von Lie-
bermann, Leistikow, Ulrich Hübner, Breitner
und Lucien Simon. Einen besonderen Genußbereitet
t Kennern die Vorführung einer Kollektion japani-
scTTer Farbenholzschnitte aus der Sammlung Bing.
Utamaro, Harunobu, Hokusai, Moronobu,
Masanobu u. a. sind mit ihren schönsten Lei-
stungen durch erstklassige Drucke vertreten. —
Bei Keller & Reiner ist in einem stimmungsvollen

Arrangement das als Schmuck für den von ihm ent-
worfenen Pallenberg-Saal im Kölner Kunstgewerbe-
Museum bestimmte Tafelgemälde Melchior Lech-
TER's ausgestellt. Der Titel des Bildes »Die Weihe
am mystischen Quelh gibt genügenden Anhalt lür
dessen Charakter. Mit den Ingredienzen naiver
mittelalterlicher Altarbilder, mit großem Aufwand
von strahlenden, emailartigen Lokalfarben und metal-
lischem Gold ist in einem Triptychon dargestellt, wie
ein bleicher, die idealisierten Züge Stefan Georges
tragender Pilgersmann, ein Diadem im dunklen Haar,
von einer priesterhaften, in Goldgewänder gekleideten
Frau aus kristallener Schale einen Trank empfängt.
Die Frau tritt aus einem goldenen Tempelchen, in
dem der Quell springt auf, eine von rosa Hyacinthen
bewachsene, mit violetten Rosenbüschen und riesigen
Kirchenleuchtern bestellte Wiese. Drei an Rosen
riechende oder harfenschlagende weibliche Genien
in präraffaelitischen Kostümen in der Luft, eine
feierliche Dienerin mit einem Räuchergefäß vor
dem Tempelchen knieend, eine begeisterte, gotisierte
Dame vor einer Orgel rechts im Hintergrunde.
Dazu als Folie ein in Abendgluten brennender
Wasserspiegel. Als dekoratives Effektstück mag das
Bild seinen Platz ausfüllen, als Kunstwerk jedoch kann
es unmöglich hochgestellt werden. Zu bewundern
bleibt nur, wie Lechter sich in die Art einer ver-
gangenen Zeit hineingelebt hat. Die bewußte An-

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