Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 18.1902-1903

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Baronin Stieglitz in Petersburg und skizzierte
„Das Gastmahl des Piaton" „in würdiger und
glücklicher Weise". „Meine Fortschritte stei-
gern sich von Tag zu Tag", ruft er im gleichen
Briefe zufrieden aus.

Die nächsten Monate mögen für Mutter
und Sohn zu den glücklichsten ihres Lebens
gehört haben. Der „Petrarca" gefiel seinem
Besitzer ausnehmend, für das „Gastmahl"
interessierte er sich soweit, als er sich die
Pause dazu schicken ließ, die Einnahmen
waren reichlich und versprachen sich binnen
kurzem noch zu heben — und Anselm be-
fand sich mit einem Male bei seiner Mutter
in Baden-Baden „sehr lieb, sehr vernünftig
und voll zuversichtlichen Vertrauens", wie
sie am 15. Mai 1865 an Schack schreibt:
„Es ist alles gut und alles richtig, nur muß
er sich in der Stille erholen und ausheilen —
Menschlich und künstlerisch ist alles ge-
wonnen." Sie freut sich, daß ihr Sohn den
plötzlichen und männlichen Entschluß ge-
faßt hat, von Rom (und Nana) wegzureisen
und ist glücklich, ihm so recht wohltun zu
können.

Vom „Symposion" hatte er eine Aquarell-

LOUIS JIMEXEZ IN GEDANKEN

skizze mitgebracht, die er Schack selbst über-
bringen wollte. Die Frage der Ausführung
dieses „Gastmahls des Piaton", das sich seit
einem Jahre schon „von seinem Herzblut ge-
nährt hatte und ihm ins innerste Leben griff"
(Juni 1864), führte zu einem stillen, aber von
Seiten des Künstlers leidenschaftlichen Kampf.
Zunächst machte er Schack den Vorschlag,
ihm zur Ausführung des Werkes, „welches
als bleibendes Denkmal seiner Blütezeit und
als voller Ausdruck seines Talentes doch
wohl gelten dürfte", auf drei Jahre 3000 Gulden
pro anno vorschußweise zu bewilligen. Schack
ließ sich darauf nicht ein. Sein Gegenvor-
schlag zielte auf bedeutend kleineres Format
und entsprechende Minderung des Honorars
hin. Derselbe fand bei dem gekränkten Künstler
kein Gehör. „Nach reiflicher Ueberlegung"
ließ er Schack durch Henriette melden, daß
er das Bild, welches er seit lange als eine
Hauptaufgabe seines Lebens betrachtet habe,
nicht unter Lebensgröße malen könne, ohne
Idee und Wirkung der Komposition zu zer-
stören und daß die Ausführung soviel innerer
Kraft und äußerlicher Erfordernisse bedürfe,
daß er nicht wagen könne, sie zu unter-
nehmen, wenn ihm nicht Zeit und Mittel
zu ganz ruhiger und auch ununterbrochener
Arbeit zu Gebote stünden. „Ach — hätten
Sie nur die Skizze gesehen", ruft sie weh-
mütig aus. Sicherlich hätte sich Schack
durch dieselbe zu dem Auftrage im Sinne
Feuerbachs nicht bekehren lassen. Lehnte
er doch einen zweiten Antrag des Künst-
lers, zu dem diesen der heiße Wunsch nach
Ausführung seiner Lieblingsidee am
6. März 1866 drängte, entschieden ab. „Ich
habe eigentlich nichts anderes erwartet",
schrieb Feuerbach an seine Mutter, „das
Symposion beginne ich auf eigene Rech-
nung " Wie sehr ihn Schacks Passivität
wurmte, zeigt der Zwischensatz: „Ich werde
mir Mühe geben, das Verhältnis noch auf ein
Jahr aufrecht zu erhalten", sowie eine sar-
kastische Anspielung auf „A. Feuerbachs
(damalige) jugendliche Torheit und künst-
lerische Weisheit" im „Vermächtnis".

Die Kunstwelt verdankt Schacks Wider-
stande, der seinen gleichzeitigen riesigen
Verpflichtungen gegen eine ganze Schar von
Künstlern zuzuschreiben ist, zwei köstliche
Werke „Hafis am Brunnen" und „Römische
Familienscene", beide Hauptbilder der
Schackgalerie. Mit welch staunenswerter
Raschheit die beiden Meisterwerke ent-
standen sind, kann man daraus entnehmen,
daß sie nach Henriettes Briefen Mitte 1865
noch nicht begonnen und Anfang 1866

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