Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 18.1902-1903

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-*-S3£> KUNSTLITERATUR

simum«, aber ohne die richtige Größe.« Und nun und ein so böses Deutsch schreibt, wie Mantuani, hat
kritisiert Mantuani den Klingerschen Beethoven freilich nichts Ueberraschendes. Zur Klärung der
vom Kopf bis zu den Zehenspitzen und findet ihn Begriffe über den Wert oder Unwert der Klingerschen
nicht nur unähnlich, sondern nicht einmal die Indi- Leistung trägt diese ziemlich umfangreiche Schrift
vidualität gewahrt. Alsdann beschäftigt er sich mit jedenfalls nicht das geringste bei. Hans Rosenhagen
der Symbolistik des Sessels und läßt sich des

Weiteren aus über die Brutalität der Kreuzigungs- Max Klingers Leipziger Skulpturen,

scene auf der Rücklehne. Klinger sei in der Art, »Salome«, »Kassandra«, >Beethoven«, > Das badende
wie er Christus rittlings auf einem in den Kreuzes- Mädchen«, »Franz Liszt«. Erläutert von Prof. Dr.
stamm eingerannten Pflock sitzen lasse, den Dar- Julius Vogel. (Leipzig, Hermann Seemann Nach-
legungen Hermann Fuldas gefolgt, die aus den und folger, 3 M.)

den Gründen nicht stimmten. Mantuani stellt die Vor zwanzig Jahren hat als erster Georg Brandes

Forderung, daß der Künstler eine Erläuterung seiner in den »Modernen Geistern« mit literarischen Mitteln
Symbolik gebe und setzt ihn schließlich feinsäuber- Klinger dem Publikum zuzuführen gesucht. Fast
lieh auf eine Stufe mit seinem Namensvetter, dem ein Jahrzehnt lang schwiegen dann alle Federn; in
Stürmer und Dränger Max von Klinger. Auch dieser den neunziger Jahren aber hat das Schriftsteller-
Schluß berührt eigentümlich, wenn man zu Anfang interesse an Klinger in steigendem Maße zuge-
gelesen hat: »Einzelne Versuche der Renaissance nommen, und das Jahr 1902 nun bezeichnet eine
ausgenommen, wird ein plastisches Werk von einer Art Hochflut der Klingerliteratur. Unter den neue-
solchen polychromen Pracht nicht nachzuweisen sein. sten Erscheinungen nimmt Vogels, aus langjähriger
Ja, man kann behaupten, daß Klinger mit diesem Kenntnis Klingers und seiner Werke heraus ge-
Werke seine Zeit und sich selbst überwunden und schriebenes, reich und interessant illustriertes Buch
übertroffen hat. - Der Mangel an Logik in den Aus- einen guten Platz ein. Vogel ist gleich weit ent-
führungen eines Verfassers, der so verworren denkt fernt von konstruierender Verstiegenheit wie von

blasiertem ästhetisierenden Bes-
serwissenwollen; er erzählt und
beschreibt schlicht und warm,
deutet ruhig und sachlich, unter-
stützt von mancher wichtigen
Einzelkenntnis, die er sich nur
in Klingers Atelier holen konnte.
Das erste Kapitel »Klinger und
Leipzig« ist von einer wohl ver-
ständlichen Freude über den
großartigen Besitz Leipzigs an
Klingerscher Plastik erfüllt, an
dessen Erwerbung Vogel so rühm-
lich teilgenommen hat; das zweite
Ȋsthetische und technische Be-
merkungen« weist Klingers Pla-
stik ihre Stelle als Bestandteil
seiner Raumkunst an, bekämpft
kurz und schlagend die immer
noch laut werdenden Vorurteile
gegen bunte Plastik und gibt
mannigfaltigen Aufschluß über
die von Klinger verwandten Ma-
terialien. Im dritten wird die
Entstehung von »Salome« und
»Kassandra« im Anschluß an
Flaubert und Schiller, sowie an
eine Anzahl unveröffentlichter
Handzeichnungen dargestellt, im
vierten das große Thema • Klin-
gers Beethoven« von verschie-
denen Seiten, unter andern in
einer merkenswerten Parallele
Beethoven — Faust beleuchtet (die
Faustischen Worte »der Einsam-
keiten tiefste schauend unter
meinem Fuß« standen eine Zeit-
lang vorn unten am Fußgestein),
im fünften endlich die beiden
monolithen Leipziger . Plastiken
der »Badenden« und des »Liszt«
entstehungsgeschichtlich und
ästhetisch besprochen. Dem an-
gehängten Literaturverzeichnis
fügen wir, um doch auf einiges,
was wichtig, wenigstens hier hin-
zuweisen, die Namen Gurlitt,
Aufnahme von N. Perscheid in Leipzig MAX KLINGER IN SEINEM ATELIER Lamprecht, Schubring, Schu-
Probebild aus Jul. Vogel „Max Klingers Leipziger Skulpturen" (Bespr. nebenstehend) macherund ServaeS hinzu. R. W.

Redaktionsschluß: 27. Dezember 1902. Ausgabe: 8. Januar 1903.

Herausgeber: Friedrich Pecht. — Verantwortlicher Redakteur: Fritz Schwartz.
Verlagsanstalt F. Bruckmann a.-g. — Druck von Alphons Bruckmann. Sämtlich in München.
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