Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 18.1902-1903

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DENKMÄLER —

VERMISCHTES

allzu eingehende Aufmerksamkeit. Die wichtigste
Frage, wie in der Folge der Künstler bei einer
Konkurrenz-Ausschreibung sich zu benehmen habe,
blieb eigentlich unerörtert. Und doch wäre man
dadurch zu der Erkenntnis gekommen, daß die
Künstler meist selbst an dem unhaltbaren Ver-
hältnis, welches zwischen ihrem Schaffen und den
Forderungen der Laien besteht, schuld tragen.
Durch die Jagd nach dem Auftrag, durch das ewige
Sich-Unterwerfen, Sich-Ducken, Sich - Einzwängen
und Gängelnlassen ist das Mißverhältnis entstanden,
daß die Gebenden Nehmende, und daß die Neh-
menden Gebende sind. Das Denkmal-Komitee
herrscht unumschränkt. So hat es in diesem kon-
kreten Fall sich zu bestimmen herausgenommen,
durch welche hervorstechende Eigenschaften der
gegebene Vorwurf künstlerisch zu wirken hat. Es
hat angeordnet, daß die Porträt-Aehnlichkeit der
maßgebende Faktor sein solle, obwohl schon
durch die Platzwahl eine architektonisch bedeut-
same Lösung gegeben war, und doch vor allem
die Gesamt-Wirkung einer monumentalen Aufgabe
entscheidend ist und nimmermehr die treffsichere
Personalwiedergabe. Es hat eine Jury gewählt, die,
was noch extra betont wurde, aus sämtlichen
Berufszweigen der Gesellschaft zusammengesetzt
ist, um über ein Werk der Kunst zu urteilen.
Die Künstler haben diese Konkurrenz-Bedingungen
gekannt und sich ihnen unterworfen. Nun wun-
dert sie das halb traurige, halb lächerliche Resultat.
Zu einheitlich zielstarkem Vorgehen hätte die
Künstlerschaft sich organisieren müssen und vor
allem eine nur aus Künstlern und aus Kunst-
eingeweihten bestehende Jury erzwingen sollen.
Laien in die Jury zu wählen, ist widersinnig. Man
hat diesmal sogar die Erfahrung gemacht, daß zwei
in die Jury gewählte Herren bei der ersten Sitzung
selbst erklärten, sie hätten ihr Lebtag noch nicht
Gelegenheit oder Sinn gehabt, sich mit Kunst zu
beschäftigen, und wüßten daher wirklich kaum, warum
es sich eigentlich handle. Was nun geschehen wird?
Einige schlagen vor, eine engere Konkurrenz zu ver-
anstalten und die sechzehn Künstler ungefähr, welche
bei der ersten Konkurrenz hervortraten, dazu ein-
zuladen, mit der Bestimmung, daß die Ausführung
des ersten Preises garantiert werde. Andere wollen
einen vollständig neuen Wettbewerb. Viele wollen
endlich den direkten Auftrag an einen frei gewählten
Künstler. Ratlosigkeit herrscht im Denkmal-Komitee,
Verstimmung in der Jury und Entrüstung in der
Künstlerschaft. So sinkt allmählich ganz von selbst
die morsche Institution der komiteebildenden, kon-
kurrenzausschreibenden, juryentscheidenden und
exekutivverwerfenden Denkmalsgründungen ins Grab.

b. z.

VERMISCHTES

MÜNCHEN. Die Zukunft der Kunstwissenschaft.
Joseph Strzygowski erörtert dieses Thema in
der >Beilage zur Allgemeinen Zeitung« vom 9. März.
Eine erfolgreiche Zukunft sagt dieser hervorragende
Gelehrte der Kunstgeschichte nur voraus, wenn sein
System der Kunstkritik angenommen und durchge-
führt wird. Strzygowski ist ein Gegner jeder meta-
physischen Aesthetik, die der Auffindung der Gesetze
des Absolutschönen nachgeht und die Werke der
Kunst >nur als eine Art Aufputz zum Nachweise der
von ihr aufgestellten Theorien, soweit sie dazu taugen,
heranzieht«. Ueber das Wirkungslose solcher Un-
tersuchungen sind sich heute wohl die meisten
Kunstfreunde und Künstler einig, wenn auch jedes
Jahr eine neue Aesthetik auf wieder neuer Grund-

lage erscheinen mag. Strzygowski verlangt dagegen
in erster und letzter Linie vom Kunsthistoriker eine
>Erkenntnis des Umfanges und Wesens der rein
künstlerischen Qualitäten«. Sein System der Kritik
soll der Kunstwissenschaft hierzu den Weg weisen.
Seine Programmpunkte für die Arbeit des Kunst-
wissenschaftlers lauten: I. Beschreibung. II. Tech-
nik. III. Künstlerische Oekonomie. — 1. Verteilung
der Maße. 2. Raumbildung. 3. Form. 4. Ruhe und
Bewegung. 5. Verbindung und Lösung der Teile.
6. Hell und Dunkel. 7. Farbe. — IV. Gegenstand
und inhaltliche Richtung. 1. Der Name des Kunst-
werks. 2. Gattung. 3. Inhaltliche Richtung. —
V. Geschichtliche Stellung. 1. Der Künstler. 2. Der
Kunstkreis. 3. Stil. — VI. Werturteil. — Dieses
Verhaltungsschema für den Beurteiler eines Kunst-
werkes erinnert jedenfalls sehr bedenklich an die
Aufsatzschemata des Gymnasiasten. Gewiß mag es
sehr nützlich sein, den Anfänger an all die Punkte
zu erinnern, die er bei der Kritik eines Kunstwerkes
zu berücksichtigen hat. Andrerseits ist dieser Kanon
allein weit davon entfernt, den Kunstwissenschaftler
selig zu machen. Reifere Beurteiler werden nie-
mals diese Punkte — gegen deren Ausführungen
man mit Strzygowski sehr wohl streiten darf —
außer acht lassen. Wichtiger als alle diese guten
Schemata dürfte ein andrer Rat sein. Dem Künstler
sagte Goethe: ;Bilde Künstler, rede nicht«. — Dem
Kunsthistoriker gelte immer: »Gehe zum Künstler,
schematisiere nicht«. — Erfreulicherweise betont
Strzygowski die Wichtigkeit technischer Kenntnisse
des Kunstwissenschaftlers. Er will deshalb, daß auch
an kleineren Universitäten Lektoren für Maltechnik
angestellt werden. Gewiß wäre das wünschenswert,
da es aber durchaus nicht leicht sein wird, Maler zu
finden, die die Geschichte der malerischen Technik
— wie etwa Ernst Berger in München — in Theorie
und Praxis lebendig und klar zu machen wüßten,
so möge wenigstens der Anfang hierzu an den größ-
ten Universitäten gemacht werden. — Aber auch
ein solches praktisches Kolleg wird den Kunst-
historiker nicht genügend fördern — er muß zu
den Künstlern gehen und zwar zu den technisch
verschiedensten, zum Maler, zum Architekten, zum
Bildhauer, zum Graphiker, in gewerbliche Werk-
stätten. — Nur dadurch haben sich die besten
Kunstwissenschaftler und Kunstkritiker für ihren
leicht anfechtbaren Beruf gebildet. Wenn Strzy-
gowski auch Muther nur zu den Journalisten rechnet,
so übertrifft doch Muther schon wegen des hier
erworbenen Wissensso viele theoretisierende Kunst-
historiker, die geradedurch trockenen Schematismus
alle klare Beurteilungsfähigkeit verloren haben. —
Der Kunsthistoriker muß möglichst viel beim
arbeitenden Künstler sein Beurteilungsvermögen
steigei n. Treibt er dieses mit allem Ernst, so wird
er zweifellos der Kunstwissenschaft zu größerem An-
sehen verhelfen als durch neue Bilderdatierungen,
Bilderbenennungen, neue Arbeitsschemata oder gar
kunstwissenschaftlicheNomenklaturen.— So machen
gerade Strzygowskis Ausführungen zu den sorgsam
numerierten Punkten selbst den bedenklich, der
die Punkte seines »Systems der Kunstkritik« als
beachtenswert gelten läßt. Denn wenn Strzygowski
dem Kunstkritiker rät, unter Punkt III., 4. auf-Ruhe
und Bewegung« im Kunstwerk zu achten, so ist
das gewiß gut. Was soll aber nun die beengende
Regel: >Die Horizontale ist der reinste Ausdruck
der Ruhe, die Diagonale jener voller Bewegung.
Vermittelnd dazwischen steht als das deutlichste
Merkmal lebendiger Kraft die Vertikale.« ? — Noch-
mals: Gehe zum Künstler, Kunsthistoriker, aber
schematisiere nicht. Dr. e. w. Bredt

Redaktionsschluß: 18. März 1903. Ausgabe: 9. April 1903.

Herausgeber: Friedrich Pecht. — Verantwortlicher Redakteur: Fritz Schwärtz.
Verlagsanstalt F. Bruckmann a.-g. — Druck von Alphons Bruckmann. Sämtlich in München.
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