Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 18.1902-1903

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~r~Sö> JAMES MC. NEILL WHISTLER f <^£^-

Bilder vom Salon refüsiert wurden. Die :Femme
blanche*, mit der "er 1863 debütierte, erschien im
Salon der Zurückgewiesenen. Sein Erfolg setzte erst
1873 mit der Uebersiedelung nach London ein. Das
Porträt seiner Mutter (Abb. >K. f. A.< XVI. Jahrg.
S. 277) und das Carlyles (Abb. XV. Jahrg. S. 146)
brachten ihn sofort in die erste Reihe der zeit-
genössischen Porträtmaler. Und auf nicht ge-
ringerer Höhe bewegte er sich als Landschafter.
Aus seiner Verachtung des Publikumsgeschmacks
machte er ebensowenig ein Hehl wie aus den künst-
lerischen Absichten, die er seinen Bildern zugrunde
legte. Er gab seinen Bildern nach Möglichkeit keine
Namen, sondern nannte sie etwa Arrangement in
Grau und Schwarz, Harmonie in Braun und Gold,
Symphonie in Weiß, Variationen in Silber und Blau,
um die Beschauer darauf aufmerksam zu machen,
was er als Maler gewollt. Whistler liebte neben
Grau und Schwarz die zärtlichen gebrochenen Far-
ben. Seine Porträts haben nichts Frappantes, aber
sie faszinieren. Indem der Künstler nicht alles
sagt und sehen läßt, erregt er die Phantasie des
Betrachtenden aufs lebhafteste. Die von ihm dar-
gestellten Menschen führen in der leisen Dämme-
rung, in der sie sitzen oder stehen, ein eigenes,
geheimnisvolles, starkes Leben. Die Bildnisse, die
er von seiner Mutter, von Carlyle von Sarasate und
von dem Kritiker Duret gemalt, die Porträts einiger
Damen der englischen Gesellschaft und seine Bild-
nisse jugendlicher Mädchen sind in ihrer Art male-
risch und psychologisch einzige unvergeßliche
Schöpfungen. Seine Landschaften, in denen er oft
die merkwürdigsten und unglaublichsten Effekte des
vergehenden Tages und der durch Lichter und Feuer-

werke erhellten Nacht schilderte, lassen bis auf die
raffiniert als Dekoration eingefügte Namenszeichnung
den Einfluß japanischer Vorbilder, etwa Hokusais und
Hiroshiges, erkennen. Sie besitzen, wie seine Bild-
nisse, den höchsten Stimmungsreiz. Als Radierer war
Whistler nicht weniger bedeutend denn als Maler.
Auch in der Anwendung der kalten Nadel zeigt er
sich als der Meister der Andeutung. Nur die charak-
teristischen Linien gibt er in seinen wunderbaren
Blättern mit Motiven aus Venedig, aus London und
Holland und erzielt damit häufig realistischere Wir-
kungen als andere, die sich nicht genug tun können
in der Wiedergabe von Details. Auch auf dem Gebiet
der Radierung ist er vorbildlich geworden für eine
ganze Reihe von neueren Künstlern. Als ein unge-
wöhnlich geistvoller Mann war und blieb Whistler
jederzeit der geschworene Feind aller Banalität. Sein
gerichtlich und literarisch ausgefochtener Streit mit
Ruskin ist weltbekannt. Seine polemischen Schriften
mit ihren prächtigen, oft höchst paradoxen Aus-
sprüchen über Kunst bilden einen lehrreichen Kom-
mentar zu seinem reichen und vielseitigen Lebens-
werk. Künstlerisch anregend hat Whistler besonders
auf die Glasgowboys und durch diese auch auf die
deutsche Kunst gewirkt. Erst in jüngster Zeit gehen
ihm einige englische Künstler nach. In Deutsch-
land wurde er zuerst durch die Münchener Inter-
nationale Kunstausstellung von 1888 bekannt und
genoß seitdem hier eine mindestens ebensogroße
Verehrung wie in Paris, das eher als Amerika und
England seine künstlerische Heimat genannt werden
kann. Die hohen objektiven und subjektiven Quali-
täten seiner Kunst sichern seinem Namen die Un-
sterblichkeit. Hans Rosenhagen

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