Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 12.1901

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE

herausgeber:
Dr. Max Gg. Zimmermann

UNIVERSITÄTSPROFESSOR

Verlag von e. a. seemann in Leipzig, Qartenstrasse 15
Neue Folge. xii. Jahrgang. 1900/1901. Nr. 7. 29. November

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur Zeitschrift für bildende Kunst« und zum »Kunstgewerbeblatt« monatlich dreimal, in den Sommer-
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stein & Vogler, Rud. Mosse u. s. w. an.

DER MEISTER VON KÖNIGSLUTTER IN
ITALIEN. 1)

In seinem grundlegenden Buche »Oberitalische
Plastik im frühen und hohen Mittelalter« fasst M. G.
Zimmermann sein Urteil über den Meister Nikolaus,
den Schöpfer der Portalbauten am Dom in Ferrara,
am Dom und an S. Zeno in Verona (S. 84 f) dahin
zusammen, dass jener in der Betonung des Gegen-
ständlichen sich den älteren, stark nordisch fühlenden
Bildhauern, besonders dem Meister Wilhelm in Mo-
dena eng anschlösse, dass er aber in der gleichzeitigen
Beherrschung des Formalen sich als der erste
wirkliche Italiener bekunde. In der That wird man
durch seine Werke — so ausschliesslich italienisch
ist ihr Gesamteindruck — in formaler Beziehung
nicht an deutsche Denkmäler erinnert, wie dies noch
bei den Reliefs Wilhelms der Fall ist. Und doch
lassen sich bei näherer Prüfung die engsten Be-
ziehungen zwischen diesen Vorhallen und deutschen
Werken nachweisen, Beziehungen, die. auf jene ein
nicht weniger helles Licht werfen, wie auf diese: In
der Werkstatt des Italieners Nikolaus ist ein hervor-
ragender deutscher Meister als Gehilfe thätig gewesen,
seinem Namen nach unbekannt, aber weithin berühmt
durch sein Hauptwerk: der Meister von Königslutter,
d. h. der Meister, der zunächst den plastischen Schmuck
der Ostteile, des Kreuzgangs und des Löwenportals
der dortigen Stiftskirche2) gearbeitet hat. Genau wie
Nikolaus hat er unter die Säulen des erwähnten Ein-
gangs kauernde Löwen, unter die Abschlussbogen im
Kreuzgang sitzende Tragfiguren gestellt, und beide
stimmen nicht allein in der allgemeinen Haltung,
sondern auch in allen Einzelheiten, die Löwen selbst
in jedem Büschel des Fells mit den Löwen und
Greifen des Nikolaus, die eine der menschlichen
Figuren selbst in den sonderbaren Falten am Ärmel

J) Ich gebe hier nur erst einige vorläufige Beobach-
tungen und behalte mir eine eingehende Untersuchung
für später vor.

2) Vgl. meine Bau- und Kunstdenkmäler des Herzog-
tums Braunschvveig I, 209 ff.

mit der Figur unter der nördlichen Säule der Ferra-
reser Vorhalle überein. Die konsolenartigen Köpfe
an der Chorapsis in K. sehen genau so aus, wie die
an derselben Vorhalle, und der bekannte Jagdfries dort
findet sein Vorbild am Veroneser Dom. Dass sich
in den Rosetten an den Gewölben und der Chor-
apsis, in der Akanthusblattwelle an der letzteren, in
den korinthisierenden Kapitellen der Kirche, wie des
Kreuzgangs in K. ein Studium antiker Vorbilder zeigt,
war längst beobachtet worden. An einer Eigenart
lässt sich aber jetzt noch bestimmter nachweisen, in
welcher Umgebung der Meister diese klassischen
Formen kennen lernte. Sowohl in K. wie in Verona
und Ferrara sind die Akanthusblätter nicht mit jener
antiken Kühnheit im Überschlag dünn ausgearbeitet,
sondern es legt sich auf das Hauptblatt zur Ver-
stärkung von oben her ein zweites Blatt, so dass ein
leerer Raum zwischen beiden zu liegen scheint. Man
kann wohl auch sonst beobachten, dass die nur bos-
sierten Akanthusblätter, die besonders im 11. Jahr-
hundert in Deutschland wie in den romanischen
Ländern üblich waren, die Veranlassung zu dieser
sonderbaren Abweichung von der Antike gaben. Aber
genau solche Blätter, wie sie K. und die von ihm
abhängigen Werke nördlich des Harzes zeigen, kom-
men sonst nur noch in den Portalbauten des Meisters
Nikolaus vor. Die Übereinstimmung in allen diesen
Dingen ist zu gross, als dass eine mehr oder weniger
flüchtige Bekanntschaft des Meisters von K. mit den
italienischen Werken zur Erklärung ausreichte. Der
Deutsche hat vielmehr in der Werkstatt des Italieners
selbst den Meissel gehandhabt, den Schlegel ge-
schwungen. Dass trotz der Gleichheit der Einzel-
fonnen der Eindruck des Ganzen hier ebenso deutsch-
romanisch, wie dort italienisch ist, kann nicht Wunder
nehmen. Säulen von der Schlankheit, Reliefs und
Profile von der Flachheit der italienischen wären aus
dem Gesamtbilde, das die Kirche in K. bot, einfach
herausgefallen. Leichter noch erklärt sich, dass der
Meister von K. als Gehilfe in dieser Beziehung keinen
Einfluss auf den Italiener ausgeübt hat. Und doch
ist es mir noch sehr zweifelhaft, ob nicht im ein-
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