Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 12.1901

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Der Held von Sievershausen und sein »herzliebes Weib« in neuen bildlichen Wiedergaben.

Jahre 1483; das grosse Schlachtenbild der Galleria
Crespi, für welches die Piazza Sordello in Mantua
den Schauplatz bietet, ist mit dem Namen des Vero-
nesischen Künstlers und der Jahreszahl 1494 be-
zeichnet. Venturi erläutert das höchst merkwürdige
Gemälde ausführlich und reproduziert bei dieser Ge-
legenheit ein anderes Gemälde, welches Francesco
Gonzaga zur eigenen Verherrlichung von Lorenzo
Costa hatte malen lassen und das sich heute im Be-
sitz des Fürsten Clary in Teplitz befindet.

Zu den sechs Typen des hl. Sebastian von An-
tonello da Messina, die Venturi nebeneinander stellt,
lässt sich jetzt ein siebenter in der Sammlung von
Miss Harry Hertz in Rom hinzufügen.

Sicherlich ist unser Wissen über den glänzenden
Bartolomeo Veneto, den Morelli von den Toten er-
weckte, durch Venturi's Forschungen aufs dankens-
werteste bereichert worden. Hat er wirklich auch
das Porträt des vornehmen Mannes in der Sammlung
Crespi gemalt? Ein Vergleich mit dem Jünglingsbilde
in der Corsiniana, welches daneben abgebildet ist,
wirkt durch die Berührungspunkte im einzelnen fast
überzeugend. Aber durch die Meisterschaft der Tech-
nik und durch den inneren Gehalt zeichnet sich das
Mailänder Porträt vor allem aus, was wir an beglau-
bigten Werken von Bartolomeo Veneto besitzen.

In der Heimsuchung der Sammlung Crespi, die
einst der Familie Ugoni in Brescia gehörte, zeigt
sich Moretto ganz und gar unter dem Einfluss der
grossen Venezianer. Das Bild muss nach dem Gast-
mahl des Reichen in S. Maria della Pietä gemalt
worden sein. Der Gegenstand ist unsagbar edel und
doch viel realistischer aufgefasst, als bei den Um-
briern und Florentinern und von jener Farbenglut
und Fülle, wie sie die herrlichsten Schöpfungen Mo-
retto's verklären.

Von Umbriern und Sienesen besitzt die Sammlung
Crespi nichts, von Florentinern weniges: Granacci's
Einzug Karl's V. in Florenz, Bacchiacca's Anbetung
der Könige und zwei grosse Fragmente, die Venturi
mit wenig stichhaltigen Gründen dem Bastiano Mai-
nardi zuweist.

Von den Hauptmeistern der Mailändischen Schule,
welche die Sammlung Crespi zieren, sind Andrea
Solario, Boltraffio, Luini, Ambrogio de Predis, Ber-
nardino de'Conti, Marco d'Oggiono Giampietrino
und Gaudenzio Ferrari vertreten. Man sieht, es fehlt
kein einziger von Lionardo's besten Schülern. Von
Andrea Solario sieht man den Kopf des dornen-
gekrönten Christus, eine Madonna und einen Auf-
erstandenen von fast Venezianischem Kolorit. Von
Boltraffio und Giampietrino sehen wir ebenfalls zwei
Madonnenbildchen; von Marco d'Oggiono eine
grosse, aufs beste erhaltene Altartafel mit Heiligen und
Stiftern; von Gaudenzio Ferrari eine grosse Grab-
legung Christi von ergreifender Schönheit.

Unter den »Artisti diversi« wären Rogier van \ der
Weiden (?) zu nennen, Lukas Kranach, Bartolomeo
de Brugh, Guercino, Sassoferrato u. a. m.

Die Ausstattung ist prächtig, fast zu prächtig, aber
das vornehme Bilderbuch ist handlich und bequem

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zu benutzen. Möchte Benigno Crespi in anderen
Besitzern von Privatgalerien bald eine würdige Nach-
folge finden! ERNST STEINMANN.

DER HELD VON SIEVERSHAUSEN UND SEIN
»HERZLIEBES WEIB« IN NEUEN BILDLICHEN
WIEDERGABEN

•Ich will diesen Winter bei Dir bleiben
und wollen [wir] miteinander Birnen
braten; wann sie zischen, so wollen wir
sie ausnehmen und wollen mit Oottes
Hilfe ein gutes Müthlein haben. Amen.«

(Moritz an seine Oemahlin:
). Oktober 1550).

Die schattenreiche Lichtgestalt, Moritz von Sachsen,
beschäftigt noch heute die ernste Geschichtschreibung.
Das gesprochene Wort zog der kluge Staatsmann
eben dem geschriebenen vor: mit »Papier, Tinte
und Feder« "ging er, wie er vertraulich schreibt,
höchst bedächtig um. Er war in den Wissen-
schaften so gut wie nicht gebildet, aber ein Genie,
und dem ist es, wie Lessing sich ausdrückt, »erlaubt,
tausend Dinge nicht zu wissen, die jeder Schulknabe
weiss«. Als er um Agnes von Hessen warb, achtete
er nicht des Widerspruchs seiner Eltern, die die
Doppelehe des Landgrafen Philipp 1. verdrossen hatte:
was er als »Sachsenfürst« zugesagt, wollte er halten.
Erst nach seines schwachen Vaters, Heinrich's, Tode
zog die vierzehnjährige Gemahlin in Dresden ein.
Seinen Charakter verdankt unser Held im wesent-
lichen mütterlicher Vererbung: Kfltharina von Mecklen-
burg war ein Mannweib. Als er durch seinen Lehrer,
Kaiser Karl V., erreicht hatte, was dieser, ihm geben
konnte, die sächsische Kur, wandte er sich gegen ihn,
höherem Ziele zu, da traf — in heisser Sonntags-
schlacht, um Nebendinge — den Zweiunddreissig-
jährigen das tötliche Blei. Am übernächsten Morgen,
nach im Feldzelte errichteten Testamente und mit
dem Leib und Blute des Herrn versehen (11. Juli 1553)
ging er siegend unter.

»Unser Bruder« (August), heisst es u. a. in dem
denkwürdigen letzten Willen, »soll unserem freund-
lichen lieben Gemahl das Ringlein, so wir an der
Hand tragen, [nach unserem Tode1)] wieder zu-
stellen .... und derselbigen daneben sagen, dass
wir sie freundlich gesegnen lassen, in tröstlicher
Hoffnung, dass wir mit der Zeit — nach Gottes
gnädiger Verleihung — in jener Welt einander wieder-
sehen wollten. Amen2).«

Drei Wochen vorher hatte er noch an sein »herz-
liebes Weib« geschrieben:

»Ich befehle Dich Gott, der helfe uns mit Freu-
den zusammen und gebe uns Gnade, dass wir hinfür
lange, lange, lange mögen beisammen wohnen und

1) Dies nur zu dem diese Scene in der Albrechts-
burg zu Meissen darstellenden Gemälde!

2) Über das auch für den Juristen lehrreiche testa-
mentum militare habe ich im »Archive für die säch-
sische Geschichte« N. F. VI. (1880), 108 f. gehandelt.
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