Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 12.1901

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Bücherschau. — Personalien. — Ausgrabungen und Funde.

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Die im Jahre 1829 gemalte Scene aus »Hermann I
und Dorothea« ist die Arbeit eines Sterbenden. Ur-
sprünglich sollte sie auch eine Miniatur sein. Die
erste Ausführung, auf Pergament gemalt, ist kaum
zwei Zoll im Quadrat. Oldach's Vorliebe für Klein-
format mag dem instinktiven Bedürfnis entsprungen
sein, sich selber wiederzufinden durch eine Raum-
beschränkung und malerische Disciplin, welche dem
zeichnerisch einseitigen Kartonstil diametral entgegen
stand.

In der zweiten Ausführung sucht Oldach Bild-
wirkung zu erreichen, was ihm noch nicht völlig
gelingt. Figuren und Landschaft sind noch nicht
zu der Einheit verschmolzen, wie sie Hermann Kauf-
mann erreicht hat — dessen Bedeutung übrigens
von Oldach zuerst erkannt wurde. Wie bei dem
Mephistobilde, steht auch hier noch manches unaus-
geglichen und zu fest nebeneinander. Dafür ent-
schädigt der starke Charakter in der Auffassung des
Vorgangs. Das Motiv geht noch über das Goethe'sche
hinaus: Hermann stützt das Mädchen nicht nur, er trägt
es die Stufen hinunter mit dem aufwallenden Impuls
eines Jünglings, den zum erstenmal die vertrauende
Anlehnung eines Mädchens berauscht, dessen Atem
seine Wange streift und dessen wonnige Last seine
eigene Kraft verdoppelt. Zu diesem Bild war Mar-
greth, das Dienstmädchen im Oldach'schen Hause
Modell. Der Gesichtsausdruck ist weniger robust,
als ernst und träumerisch. Es zeugt von typen-
bildender Gestaltungskraft, dass es Oldach gelang,
die Züge der Magd, — die auch im Stammbaum
vorkommt, also wohl halb zur Familie gerechnet
wurde — zu einem solchen Dorothea-Typus umzu-
werten. Wir haben es mit einem Künstler zu thun,
der mit seltener Verinnerlichung ein Stück deutschen
Lebens im Banne jener tiefernsten, schicksalschweren
Erotik schildert, welche die Gestalten der Bieder-
meierzeit uns heute wieder so menschlich nahe
bringt, die Zeit, da zum erstenmal der Bürger »tragisch
genommen« werden durfte! Dazu war der Ham-
burger Bäckerssohn wohl als Mensch, wie wenige,
berufen, wenn ihm auch als Künstler seine Vollreife
nicht zu erreichen beschieden war.

Das Bild blieb unvollendet.

Oldach's Zustand verschlechterte sich sehr schnell.
Auf einer unterbrochenen Reise nach Italien trat in
München der Tod an sein Lager als Erlöser. Eine
Tagebuchaufzeichnung Wasmuth's berichtet darüber:
Zur Selbstquälerei geneigt, konnte der wackere
Maler O. weder mit sich noch mit seiner Kunst
fertig werden. Er endete an der Abzehrung, von
seinen Landsleuten abwechselnd gepflegt. Der bittere
Ausdruck seines Gesichts war im Tode einer ernsten
Ruhe gewichen. Bei seiner Beerdigung wehte ein
solcher Wind, dass unsere Fackeln erloschen«. —

Ich habe mich mit Oldach eingehender beschäftigt,
weil die Bedeutung dieser tiefgründigen und un-
mittelbar tragischen Natur, die ihrer Zeit weit voraus-
drängte und an ihrem innern Feuer verbrannte,
fast unbeachtet geblieben ist, während wir von seinen
Zeitgenossen mehr kennen, so dass das relative

Wertmass in Zukunft eine Korrektur wünschenswert
erscheinen lassen dürfte. Seine Stellung in der
deutschen Kunstgeschichte bleibt einstweilen noch
offen. Dass man Oldach aber zu den Neubildenden
und zu denen zählen wird, welche die bürgerliche
Kultur unseres verflossenen Jahrhunderts ausdrücken
und ihre dauernden Werte künstlerisch tragen helfen,
scheint schon heute unzweifelhaft.

BÜCHERSCHAU

W. Suida. Die Genredarstellungen Albrecht Dürer's. Studien
zur deutschen Kunstgeschichte Heft 27. Strassburg 1900.
Für eine kunsthistorische Dissertation ist das Thema
unglücklich gewählt. Eine solche soll den Beweis
liefern, dass ihr Verfasser gelernt hat, mit dem Material
wissenschaftlich umzugehen; das Philosophieren über
Probleme künstlerischer Anschauung bleibt besser den
Jahren der Reife vorbehalten. — Der Zwiespalt, in den jeder
Anfänger bei solcher Aufgabe geraten muss, macht sich
auch in Suida's Arbeit empfindlich geltend. Die systema-
tische Aufteilung des Stoffes führt zu einer trockenen,
ikonographischen Registrierung, die wenig an Wert dadurch
gewinnt, dass der Verfasser sie mit schwärmerischen Aus-
blicken auf Wagner, Schopenhauer, Shakespeare und Luther
verbrämt. Man fragt sich unwillkürlich, an wen sich diese
zum Teil abgeschmackten Apostrophen richten. Der Nach-
weis »einer wechselseitigen Beziehung zwischen Pathos
und Humor« in der deutschen Kunst bedurfte eines solchen
Aufwandes von Worten wahrlich nicht. In seiner fragmen-
tarischen Allgemeinheit bietet dieser Gedanke für die Er-
kenntnis von Dürer's Genius und seiner Entwicklung wenig

Neues. Ludwig Kaemmerer.

PERSONALIEN

Kiel. An Stelle des nach Leipzig übergesiedelten
Dr. Haupt wurde Dr. Gustav Brandt zum Direktor des
Thaulow-Museums ernannt. Er war hier schon während
des Sommers 1895 thätig, später am Germanischen Museum
zu Nürnberg. Seit September 1898 arbeitete er am Museum
für Kunst und Gewerbe in Hamburg. -r-

AUSGRABUNGEN UND FUNDE

Rom. Von der milden und gemässigten Temperatur
des Frühlings begünstigt, nehmen die Ausgrabungen auf
dem Forum Romanum den schnellsten Fortgang. Noch
immer konzentrieren sich die Arbeitskräfte in und um
S. Maria Antiqua, um den Tempel des Castor und Pollux
und um die Ruinen am Vestalinnen-Hause am Fuss des
Palatin. Immer gigantischer heben sich die Augustäischen
Mauern über der Erde empor, immer höher häufen sich
die antiken Fragmente auf dem ganzen Forum an. Auch
auf den Palatin dehnen sich die Ausgrabungen aus, und
wie tief man auch gräbt, überall noch findet man Spuren
menschlichen Schaffens. In S. Maria Antiqua ist man vor
allem beschäftigt, die Säulen des Mittelschiffes aufzurichten,
die Gemäldecyklen zu schützen und zu kopieren, die ein-
gestürzten Mauern wieder herzustellen und das Paviment
der Kirche von allem Schutt zu befreien. Im Atrium hat
man noch tiefer gegraben und, wie zu erwarten, sind hier
zahllose Grabstätten ans Tageslicht gefördert worden.
Allerdings zum grösseren Teil sehr primitiver Art aus
Ziegelsteinen und antiken Fragmenten aufgemauert —
riesige Grabeshöhlen mit Schutt und menschlichem Gebein,
bis oben ausgefüllt. Alle diese Gräber sind, wie es scheint
auf einem antiken Quaderboden aufgebaut, den man eben
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