Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 12.1901

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE

HERAUSGEBER:

Dr. Max Gg. Zimmermann

UNIVERSITÄTSPROFESSOR

Verlag von E. A. SEEMANN in Leipzig, Gartenstrasse 15
Neue Folge. xii. Jahrgang. 1900/1901. Nr. 5. 8. November.

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur »Zeitschrift für bildende Kunst« und zum »Kunstgewerbeblatt« monatlich dreimal, in den Sommer-
monaten Juli bis September monatlich einmal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfasst 33 Nummern. Die Abonnenten der »Zeitschrift für bildende
Kunst« erhalten die Kunstchronik gratis. — Für Zeichnungen, Manuskripte etc., die unverlangt eingesandt werden, leisten Redaktion und Verlags-
handlung keine Gewähr. Inserate, ä 30 Pf. für die dreispaltige Petitzeile, nehmen ausser der Verlagshandlung die Annoncenexpeditionen von Haasen-
stein & Vogler, Rud. Mosse u. s. w. an.

DIE NEUESTE EYCKLITTERATUR

»Quot homines, tot sententiae.«

Unlösbare Probleme reizen den Forschertrieb am
stärksten. Wer solchem Reiz nicht zu widerstehen
vermag, darf auf alles eher als auf schnellen und all-
gemeinen Erfolg rechnen, wer aber diese Probleme
aus den Aufgaben der Forschung streichen wollte,
müsste sich auf den Vorwurf schlaffer Resignation
gefasst machen. Eine Zeit lang schien es, als hätten
sich die Kunstgelehrten zu einein endgültigen Verzicht
geeinigt, das Eyckproblem zu lösen. Ich selbst be-
kenne, dass das Gefühl der Aussichtslosigkeit mir die
Freude an den Arbeiten für meine Eyckmonographie
stark beeinträchtigte. Die seitdem verstrichenen zwei
Jahre haben nun aber eine überraschende Fülle von
neuen Versuchen gezeitigt, näher und immer näher an
das Geheimnis, das die Thätigkeit der Brüder van Eyck
umgiebt, heranzudrängen.

Die Frage nach dem Wert solcher Versuche läuft
auf eine Frage nach dem Temperament derer hinaus,
die sie unternehmen; denn das Thatsachenmaterial
hat sich in der Zwischenzeit kaum wesentlich ver-
grössert. Wer aber die schwierigen Jongleurkünste
der Stilkritik geschickt zu handhaben versteht, kann
immerhin auf den kurzen Ruhm Anspruch machen,
der Welt etwas Neues gesagt und gezeigt zu haben.
Und Neues, zum Teil erstaunlich Neues bekommt
man zu hören, wenn man die Abhandlungen von
Otto Seeck und Karl Voll zur Hand nimmt.

Prof. Seeck1) ist vor der Danaidenarbeit nicht zu-
rückgeschreckt, die Werke Hubert's van Eyck von
denen seines Bruders Jan zu sondern. Er stellt ein
Verzeichnis von nicht weniger als 31 Bildern des
Hubert auf, denen 36 von der Hand Jan's gegenüber-
stehen. Auf dem Wege zu dieser sauberen Scheidung
wird man ihm nicht ohne ein leichtes Gefühl von
Schwindel folgen können. Zwar lässt es unser Führer
nicht an überzeugungsvollem Zuspruch fehlen; seine

1) Otto Seeck. Die charakteristischen Unterschiede
der Brüder van Eyck. Abhandl. der Kgl. Gesellschaft der
Wissensch, zu Göttingen. N. F. Bd. III. No. 1. Berlin 1899.

Ausrüstung mit allerlei gelehrten Hilfsmitteln erweckt
bei dem Laien sogar ehrfurchtsvolles Vertrauen. An
besonders gefährlichen Stellen beruhigt er sich und
seinen Leser durch die Versicherung, dass er selbst
auf »diese luftigen Kombinationen« keinen Wert lege
(p. 12), aber, wer einmal den Weg allein und ohne
Führer beschritten hat, weiss nur zu gut, wie leicht
man bei dem Aufblicken in die lockenden Regionen
der Vermutung in die Irre gehen oder doch böse
stolpern kann.

Seeck wählt als Ausgangspunkt seiner Unter-
suchung ein neuerdings für das Berliner Museum er-
worbenes Gemälde: Christus am Kreuz zwischen
Maria und Johannes. Es ist von Hugo von Tschudi
als Arbeit des Jan van Eyck im Jahrbuch der
K. Preussischen Kunstsammlungen veröffentlicht. (XIX.
pag. 202 ff.) Bedenken gegen diese Zuschreibung,
die auch Tschudi nicht ganz mit Stillschweigen über-
gehen konnte, veranlassen Seeck zu der Frage, ob
nicht vielleicht Hubert van Eyck der Maler des Bildes
sein könne, das zweifellos Schulzusammenhang mit
der Werkstatt, aus der der Genter Altar hervorging,
verrät. Er bejaht die Frage auf Grund ziemlich
äusserlicher Erwägungen, bei denen auch die In-
korrektheit der Inschriften auf dem Kruzifix und
einigen Tafeln des Genter Altarwerks und die daraus
gefolgerte Analphabetie Hubert's van Eyck eine
komische Rolle spielt, um auf dem Fundament
dieses »neuen Fundes« das Werk Hubert's zusammen-
zustellen. Im wesentlichen besteht es nach S. aus
den Bildern, die aus irgendwelchen Gründen als
Schöpfungen Jan's angezweifelt wurden, aber auch
die Madonna des Kanzlers Rolin und der Mann mit
den Nelken befinden sich darunter.

Der Versuch ist also hervorgerufen durch Zweifel,
die auf einem so wenig geklärten Forschungsgebiet,
wie es die Geschichte der niederländischen Malerei
des fünfzehnten Jahrhunderts darstellt, sich leicht dem
aufdrängen, der von einer anderen Disziplin des
Denkens herkommt. Skepsis gilt vielen als der An-
fang alles wissenschaftlichen Erkennens. In vielen
Fällen aber ist sie auch nur ein Ausdruck subjektiver
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