Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 12.1901

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE

herausgeber:
Dr. Max Gg. Zimmermann

UNIVERSITÄTSPROFESSOR

Verlag von e. a. seemann in Leipzig, Gartenstrasse 15
Neue Folge. xii. Jahrgang. 1900/igoi. Nr. 15. 14. Februar.

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur Zeitschrift für bildende Kunst«'und zum »Kunstgewerbeblatt« monatlich dreimal, in den Sommer-
monaten Juli bis September monatlich einmal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfasst 33 Nummern. Die Abonnenten der »Zeitschrift für bildende
Kunst« erhalten die Kunstchronik gratis. — Für Zeichnungen, Manuskripte etc., die unverlangt eingesandt werden, leisten Redaktion und Verlags-
handlung keine Gewähr. Inserate, ä 30 Pf. für die dreispaltige Petitzeile, nehmen ausser der Verlagshandlung die Annoncenexpeditionen von Haasen-
stein & Vogler, Rud. Mosse u. s. w. an.

sizeranne'S werk über zeitgenössische

englische malerei.1)

Innerhalb weniger Wochen, nachdem die englische
Übersetzung2) des obigen Werkes veröffentlicht worden
war, erschienen über dasselbe in ca. 60 der ersten
Tageszeitungen und in sämtlichen massgebenden Fach-
zeitschriften Englands die eingehendsten und in der
Hauptsache nur lobende Kritiken. — Diese Thatsache
ist um so mehr hervorzuheben und spricht zu Gunsten
des Buches, da Sizeranne der englischen Kunst manch
hartes Wort sagt und sein Schlusssatz lautet: »Die
englischen Maler sind grosse Versucher: bewundern
wir sie, aber folgen wir ihnen nicht.«

Das Aufsehen und das Interesse, welches das Werk
nicht nur in Künstler- und Liebhaberkreisen hervor-
rief, teilte sich stetig auch dem grösseren Teile des
gebildeten Publikums aller Länder mit, in denen die
Kunst überhaupt etwas gilt. Mit Freuden kann es
daher begrüsst werden, dass das in Rede stehende
Werk in so vorzüglicher Übersetzung8) auch in die
deutsche Sprache übertragen wurde. Da in dieser
Version die Illustrationen zum Teil nicht mit der
englischen Ausgabe identisch sind, so erhalten wir
auf diese Weise ein erweitertes Bild der englischen
Kunst.

Das Urteil Englands über das Buch lautet im allge-
meinen: Wenn es auch Fehler, namentlich in vielen
Details besitzt, und mitunter von unrichtigen Voraus-
setzungen ausgeht, so ist doch sein Gesamtinhalt so über-
aus bedeutend und anziehend, dass man es durchaus
ernst nehmen muss, und dass das Interesse für dasselbe
vom ersten bis zum letzten Blatte erhalten bleibt.

1) La Peinture Anglaise Contemporaine par Robert
de la Sizeranne. Paris, Hachette.

2) English Contemporary Art. Translated from the
French of Robert de Sizeranne. By H. M. Poynter.
Archibald Constable & Co. London. 1898.

3) Robert de la Sizeranne. Die zeitgenössische eng-
lische Malerei. Aus dem Französischen übersetzt von Else
Fürst. München. Verlagsanstalt F. Bruckmann, A.-G.
1899.

Meiner Ansicht nach besteht ein Anlagefehler darin,
dass die betreffende Arbeit ursprünglich Essays waren,
die nach und nach in der »Revue des deux Mondes'
erschienen, und dann erst später zu einem Bande
vereinigt wurden. Ferner hätte die Generaldisposition
des Werkes noch mehr in ihrer Grundlage von Turner
und Ruskin ausgehen müssen, als es jetzt der Fall
ist, und umgekehrt in dem speziellen Abschnitt über
die Entstehung des Präraphaelismus sich weniger
auf Madox Brown, aber entschiedener ausgesprochen
auf D. G. Rossetti stützen müssen.

Das Werk wurde j'etzt in Buchform in drei Ab-
schnitte eingeteilt, deren erster die Überschrift trägt:
»Die Ursprünge des Präraphaelismus«. In der Ein-
leitung hierzu sagt der Verfasser Frankreich und
England einige Schmeicheleien, während den übrigen
Nationen vorgeworfen wird, dass sie keine eigentlich
nationale Kunst besitzen. Der Autor schreibt: »Fast
überall findet man grosse Talente; aber weder Deutsch-
land mit Lenbach, Böcklin, Uhde und Werner, noch

I Ungarn.....u. s. w. bietet uns eine Gruppe von

Künstlern, die nicht mehr oder weniger unsern
nationalen (französischen) Schulen entstammen.«
Sizeranne fährt dann fort: >Wenn man eine ästhische
Karte der Welt darstellen wollte, d. h. eine Karte, auf
der die Einflüsse der verschiedenen Kunstrichtungen
verzeichnet wären, so müsste man die Farbe Frank-
reichs auf alle oben genannten Gegenden ausdehnen,
als ob es Kolonien der französischen Kunst wären.
Nur die britische Insel sticht lebhaft von dem Rest

der Weltkarte ab...... Sie haben den Kanal nicht

zu überbrücken versucht.«

Das Anfangskapitel des Buches giebt uns eine
Übersicht des Zustandes der Kunst Englands im Jahre
1844, und insonderheit wird die erste Schaffens-
thätigkeit Madox Brown's, Rossetti's, Holman Hunt's
und von Millais in fesselnder Weise geschildert.
Ruskin predigt ihnen bereits: »Die Erstlingswerke
Turner's sollen ihnen als Beispiel, dessen letzte Werke
als Endziel erscheinen.« Unausgesetzt ruft er seinen
Jüngern zu: »Kehrt zu der Natur in aller Einfalt

I des Herzens zurück und harrt getreulich bei ihr aus,
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